Karma-Yoga ist…

Spricht man bei uns von Yoga*, meint man hauptsächlich Hatha Yoga, das Yoga der Körperhaltungen; von den allermeisten Menschen ausserhalb Indiens wird dieses als Entspannung oder Gymnastik betrieben, im besten Fall mit ein bisschen Hintergrundwissen über die indische Philosophie und Religion. Dass es ein eigenständiger spiritueller Weg ist, der ausschliesslich die Erleuchtung (Selbst- oder Gottesverwirklichung) zum Ziel hat, ist den wenigsten bewusst; und sie wissen meistens auch nicht, dass er das Gleiche fordert wie andere östliche Wege, nämlich Kontrolle der Gedanken, sexuelle Enthaltsamkeit, Verzicht auf Besitz, Meditation/Versenkung, vollständige Hingabe an den spirituellen Weg und mehr.
Im Hinduismus ist Hatha Yoga einer der Yoga-Wege zum Göttlichen, neben Jnana Yoga (Yoga des Wissens/der Erkenntnis), Bhakti Yoga (Yoga der liebenden Hingabe), Karma Yoga (Yoga des Handelns), Raja Yoga (Königsyoga) und anderen weniger verbreiteten.
Alle stellen an den Praktizierenden hohe Anforderungen, auch zeitlicher Natur, stundenlanges Üben, Meditieren, Loslassen jeglicher Wünsche, zum Teil auch den Rückzug aus der Welt – die Erleuchtung ist nicht so billig zu haben. Deshalb sind sie für uns westliche Menschen, die wir stark in Beruf, Familie, Gesellschaft und auch Freizeitaktivitäten eingebunden sind, nur schwer zu begehen. Ausser Karma Yoga.

Der Begriff Karma (Sanskrit für Tat, Handeln) wird bei uns mit dem Kreislauf der Wiedergeburten in Zusammenhang gebracht, als Bezeichnung für die vom einzelnen Menschen in der Vergangenheit (auch in früheren Existenzen) angesammelten guten und schlechten Taten; nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung (einer reinen Gesetzmässigkeit, die nicht einen urteilenden und belohnenden/bestrafenden Gott voraussetzt) hat jede Tat unweigerlich Konsequenzen. Wollen wir uns also aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien, Erlösung finden im Nirwana oder wie man das nennen will, dürfen wir überhaupt nicht mehr handeln. Doch das ist gar nicht möglich, solange wir in einem Körper weilen, der genährt und gepflegt werden will!
In Indien wählt man dazu den Weg des Sannyasin (Entsagender), setzt sich in der Nähe eines Tempels hin oder wandert ziellos umher und lebt von Almosen, äusserlich ziemlich verwahrlost. Bei uns würde man solch einen Menschen Clochard oder Obdachlosen nennen und von überall vertreiben.

Schon der Verfasser der Bhagavad Gita (heilige Schrift Indiens, vermutlich vor 200 v.Chr. entstanden) erkannte, dass das Nicht-Handeln in dieser Welt nicht wirklich realisierbar ist. Und er bietet einen Ausweg: „Entsagung und Karma Yoga, beide führen zur Erlösung der Seele, aber von diesen steht das Yoga des Handelns auf einer höheren Stufe als der Verzicht auf das Handeln.“ Und weiter sagt der Höchste Gott: „Als ein Sannyasin (Entsagender) soll immer gelten, wer (auch wenn er handelt) weder Abneigung noch Verlangen spürt; denn steht er über der Dualität, ist er leicht und glücklich von der Gebundenheit befreit. […] Du hast ein Recht auf das Handeln, aber nur auf das Handeln, niemals auf dessen Früchte; lass nicht die Früchte deines Wirkens dein Beweggrund sein, noch lass Anhaftung zur Tatenlosigkeit in dir zu.“

Mit anderen Worten: Eine Tat, gleich welcher Art, bringt kein Karma mit sich, wenn sie mit Gleichmut und ohne Anhaftung ausgeführt wird; Handeln dürfen und sollen wir, aber nicht um bestimmte Ergebnisse zu erzielen.

Kein Karma mit sich bringen bedeutet: Da wir die Erlösung erst erlangen können, nachdem wir all unser Karma (die Gesamtheit unserer Taten, ob gute oder schlechte) in Erdenleben sozusagen „abgetragen“ haben, ist es unabdingbar, sich nicht ständig neues Karma aufzuladen – auch kein gutes, da solches nicht zur Erlösung führt, sondern nur in eine gute, angenehme irdische Wiedergeburt. (Diese Philosophie steht im Widerspruch zur christlichen und islamischen, bei denen gute Taten eine Voraussetzung für das Paradies bilden.)

Mit Gleichmut, ohne Anhaftung ausführen heisst: Sich über das Prinzip von Lust und Unlust erheben – normalerweise vollbringen wir einige Taten mit Freude (wir tun etwas gerne), andere mit Widerwillen (wir tun etwas nicht gerne, wir hassen es…). Wenn wir diese Gegensätze überwinden und einfach stets das tun, was gerade ansteht, ohne die einen Taten den anderen vorzuziehen oder gewisse „unbeliebte“ zu meiden, handeln wir ohne Anhaftung und laden uns kein Karma auf. (Hierzu gibt es in gewissem Sinne eine christliche Entsprechung in der Vorstellung, dass die Absicht zählt, mehr als die Tat selbst.)

Und schliesslich ist mit nicht um der Ergebnisse willen handeln gemeint: Wir tun in jedem Augenblick, was zu tun ist, und lassen dann los. Wie die Ergebnisse auch ausfallen, wir nehmen sie gleichmütig an, ob Erfolg oder Misserfolg, ob uns genehm oder nicht.
Diese Haltung bedingt Urvertrauen („Es kommt alles, wie es für alle Beteiligten das Richtige ist“) und die Erkenntnis, dass wir die Früchte des Handelns ohnehin nicht durch unser Wollen und unser Bemühen beeinflussen können. Letzere Erfahrung hat jeder schon gemacht: Wir geben uns Mühe etwas zu erreichen, setzen alle Hebel in Bewegung, bringen all unsere Energie und Willenskraft ein – und erreichen unser Ziel dennoch nicht; und ein anderes Mal lassen wir es eher schlittern, tun nur das Nötigste bis gar nichts – und bekommen, was wir ersehnen. Das liegt daran, dass wir nur ein kleines Rädchen im Getriebe des Universums sind und die „höheren“ Ziele nicht kennen, die manchmal mit unserem Wollen übereinstimmen und ein anderes Mal eben nicht.

Damit ist in aller Kürze gesagt, welches die wichtigsten Grundlagen des Karma Yoga sind; natürlich geht Karma Yoga noch viel weiter, umfasst weitere philosophische Erkenntnisse, beispielsweise diejenige dass nicht Ich der Handelnde bin, sondern die Natur mit ihren drei Wirkungsprinzipien, was wiederum weitere praktische Verhaltensweisen für den Alltag impliziert, und und und… Und vor allem schliesst die Synthese der Yogawege, wie sie von der Bhagavad Gita gelehrt wird, auch Bhakti und Jnana Yoga ein – Erkenntnis steht am Anfang jedes Weges und auch die Hingabe an das Göttliche ist unerlässlich.

Ich halte diesen Yoga-Weg jedenfalls für ideal in unserer Gesellschaft, denn er macht den Alltag eines jeden zum spirituellen Übungsfeld; wir brauchen uns also nicht extra „Zeit zu nehmen“ für Meditation, Gebet oder andere Praktiken (Zeit, die wir ohnehin nie haben!), sondern befassen uns in jedem Augenblick bewusst mit unserer inneren Entwicklung – bei der Arbeit, in all unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Freizeit… Spiritualität findet im Alltag statt.
Anstrengend, diese ununterbrochene Beschäftigung mit unserem inneren Wachsen und Wandeln? Nein! Faszinierend. Das einzige Ziel, welches das Leben ständig von Neuem interessant und spannend macht, ist unsere innere Entwicklung.

Aus meiner eigenen Erfahrung darf ich sagen: Den Grundsätzen von Karma Yoga zu folgen, führt nicht nur zur Gottesverwirklichung, sondern macht schon das alltägliche Leben viel leichter und zufriedener! Und das ist es auch, was ich auf dieser Website weitergeben möchte: Erkenntnisse und Werkzeuge, damit ihr in diesem Leben glücklicher werdet, es mit weniger Ängsten und Sorgen und mehr Zuversicht und Mut durchwandert! Denn nicht jeder Mensch fühlt sich vom spirituellen Leben angezogen – das Recht, in dieser Welt, in diesem Dasein glücklich zu werden, haben wir aber alle!

Karma Yoga kann also praktiziert werden:
• als Ergänzung zu jedem anderen spirituellen Weg;
• um Urvertrauen, Selbstwertgefühl, Gleichmut und andere wertvolle Eigenschaften zu erwerben und in diesem Leben glücklicher zu werden.

*Yoga ist Sanskrit und stammt aus der Wurzel yuj = verbinden, vereinigen. Es entspricht also dem lateinischen re-ligio = Rückbindung (zum Göttlichen).

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