Die Angst vor Krankheiten

Nicht selten habe ich die Aussage gehört: „Vor dem Tod habe ich eigentlich keine Angst, aber davor, krank zu werden…“ Selbst junge Menschen leiden zuweilen sehr unter ihrer Angst vor Krankheiten. Kaum tut im Körper etwas weh, denken sie schon, es könnte Krebs sein, stolpert das Herz, befürchten sie gleich einen Infarkt.

Das Allheilmittel gegen jegliche Angst ist natürlich das Urvertrauen. Doch wer von uns hat schon in jedem Augenblick dieses bedingungslose Vertrauen oder kann es „hervorzaubern“, wenn es nötig ist? Gerade Ängste sind oft äusserst mächtig und haben die unangenehme Eigenschaft, uns den Verstand zu rauben, sodass wir nicht mehr rational denken.
Deshalb will ich hier einige Tipps geben, wie wir mit der Angst vor Krankheiten umgehen können, obwohl ich natürlich auch kein Patentrezept habe, das für alle und alles wirkt.

• Ist die Angst vor Krankheiten so dominierend, dass sie unsere Lebensqualität beeinträchtigt, dann sollten wir ärztliche/psychotherapeutische Hilfe suchen, denn in diesem Fall ist die Angst selbst zu einer Krankheit geworden.

• Ist die Angst vor Krankheiten hingegen nicht so dominierend, dass sie unsere Lebensqualität beeinträchtigt, geht es in erster Linie darum zu lernen, mit der Angst umzugehen. Sie zu bekämpfen, ist kontraproduktiv, da ein Kampf eine Gegenwehr, ein Auflehnen der Angst bewirkt. Vielmehr sollten wir die Angst akzeptieren, sie zu unserer Gefährtin machen, die zwar da ist, uns aber weiter nichts tut.
Wir nehmen sie wahr, schauen sie an, akzeptieren sie – und uns mit ihr. Doch wir versinken nicht darin, verschmelzen nicht mit ihr. Wir stellen sie uns ausserhalb von uns vor, personifiziert, wie je­mand an unserer Seite: ein unangenehmer Geselle, aber kein gefährlicher, lebensbedrohlicher. Stellen wir sie uns konkret vor: Wie sieht sie aus, welche Ausdehnung hat sie, welche Far­be, welchen Geruch, wie ist sie angezogen, welche Haltung nimmt sie ein? Und vor allem: Was macht sie eigentlich, ausser einfach neben uns zu stehen? Nicht viel, meistens…
Daraufhin sagen wir zu ihr: „Begleite mich, wenn du willst. Ich lasse mich von dir aber nicht einschüchtern, ich dulde dich zwar, aber ich handle, als ob es dich nicht gäbe – du bist wohl da, aber Macht über mich besitzt du nicht.“
Durch das Akzeptieren der Angst schwächen wir sie, und nicht selten verschwindet sie mit der Zeit dann vollständig.

Wie gesagt, ist das beste Mittel gegen die Angst natürlich die Stärkung des Urvertrauens generell. Dies ist jedoch ein längerer Prozess. Ich erinnere an die beiden Grundsätze, über die ich schon oft auf meinen Websites und in meinen Büchern geschrieben habe. Diese beiden Grundsätze müssen wir uns immer wieder, vor allem wenn Angst uns befällt, in Erinnerung rufen und uns einprägen:
1. Ich bekomme immer das, was ich brauche und mir guttut. Unabhängig von meinem Streben und Bemühen, wird mir gegeben, was meine innere Entwicklung fördert, und es wird mir genommen, was sie hemmt. Ich besitze nicht die Macht, etwas zu erreichen, was nicht für mich bestimmt ist. Dies auf lange Sicht betrachtet, denn bei einem im wahren Sinne des Wortes kurzsichtigen Blickwinkel erhalte ich manchmal, was ich will – doch nur als Erkenntnislektion. Steht es nämlich meinem Lebensziel entgegen, so geht es mir wieder verloren oder wird mich unglücklich machen, sodass ich einen anderen Weg einschlage.
2. Es kann mir nichts geschehen, was nicht gut für mich ist. Alles, was mir zustösst, verfolgt einzig den Zweck, mich zu lehren, mir neue Erkenntnisse zu vermitteln, meine innere Entwicklung zu fördern. Dabei sind alle und alles meine Lehrer in dieser Lebensschule. Kein Mensch, keine Naturgewalt, kein Lebewesen besitzt die Macht, mir etwas anzutun, falls es nicht sein darf und meinem individuellen Lernprozess zuwiderläuft. Und wie sehr ich auch versuche, etwas zu meiden oder zu fliehen, ich kann nichts abwenden, was für mich bestimmt ist. Ich darf aber auch darauf vertrauen, dass mir nie mehr aufgebürdet wird, als ich zu tragen vermag.

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Alles hat einen Sinn

„Alles hat einen Sinn“ – ein Credo für mich – „auch wenn wir ihn manchmal nicht (sofort) erkennen.“ Diese Erfahrung habe ich kürzlich wieder einmal gemacht. Die Erfahrung des zweiten Satzteils, meine ich.

Ich hatte beschlossen, mir einen erholsamen Tag im Thermalbad zu machen, mit Sauna, Massage und allem, was dazu gehört, und war mit dem Auto unterwegs in eine Therme, die über 100 Kilometer von mir zu Hause entfernt ist.
Gemütlich fuhr ich durch die schöne Landschaft, als ich, noch etwa eine Viertelstunde von meinem Ziel entfernt, ein leichtes Kratzen im Hals spürte. „Nanu“, dachte ich, „du wirst dich wohl nicht erkältet haben?“ Die Inkubationszeit kurz überschlagend, konnte ich mir nicht vorstellen, wo ich mich angesteckt haben könnte.
Nach weiteren zehn Minuten bestand für mich aber kein Zweifel, dass ich eine Halsentzündung hatte, und mir war klar, dass Bad und Sauna bei einer Erkältung, selbst bei einer beginnenden, absolut tabu sind.
Bei der nächsten Gelegenheit – und das war bereits der Parkplatz der Therme – wendete ich und fuhr zurück nach Hause. Dabei fragte ich mich gespannt, was mich zu Hause erwartete, denn ich war davon überzeugt, dass es einen Grund gab, warum mich etwas zur Umkehr bewog. Eine ähnliche Situation hatte ich vor vielen Jahren schon einmal erlebt, und der Grund war damals gewesen, dass mich im Büro ein dringender, lukrativer Auftrag erwartete, den ich verloren hätte, wäre ich an jenem Tag abwesend gewesen.

Eine knappe halbe Stunde bevor ich mein Zuhause wieder erreichte, nahm ich erstaunt wahr, dass ich meine Halsschmerzen gar nicht mehr spürte! Und sie kamen auch später nicht zurück. Ich war kerngesund.
So sass ich dann in meinem Büro, arbeitete friedlich vor mich hin und erwartete jeden Augenblick irgendein Ereignis, das mir den Sinn des Ganzen erklärte. Aber nichts geschah, den ganzen Tag lang nicht. Ich weiss bis heute nicht, warum ich umkehren musste. Was ich aber mit Sicherheit weiss: Es hatte einen Sinn. Und wenn er sich mir nicht erschliesst, dann darum, weil ich ihn nicht zu erfahren brauche.

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Gleichmut, Urvertrauen und Schrödingers Katze

Bis weit in die zweite Hälfte hinein empfand ich 2016 als ein strapaziöses Jahr für mich. Ich hatte laufend zu kämpfen, vor allem mit technischen Problemen. Es fing bereits im Januar an mit dem Sat-Receiver, es folgten der Computer, das Internet allgemein und einiges mehr. Das wäre ja alles kein Problem gewesen (ausser ein finanzielles), hätte ich alles einfach ersetzen können. Aber nein, nichts klappte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Sat-Receiver wurde vom Lieferanten drei Mal (!) ausgetauscht, weil jedes Gerät von Anfang an defekt war oder Mängel aufwies. Das bedeutete für mich anrufen, warten, wieder anrufen, nochmals warten… So zogen die Monate dahin.
Ich musste mir ständig sagen: „Bleib gelassen, es ist nicht so wichtig, am Ende wird alles gut gehen“ und „Wenn Schwierigkeiten auftauchen, hat es einen Sinn, du musst etwas daraus lernen; es kann dir nichts geschehen, was nicht gut für dich ist.“ Es kostete mich einige Energie. Doch ich machte genau die Erfahrung, die ich jedem anderen vorausgesagt hätte (aber selbst vergisst man ja die eigene Weisheit zuweilen) 😉 Nämlich dass es zähflüssig, problematisch und unbefriedigend lief, solange ich mich ärgerte, kämpfte, auflehnte. Sobald ich meinen Gleichmut und mein Urvertrauen wiederfand und ich losliess, lösten sich die Probleme.

Dann, im Spätherbst, als eine grosse Aufgabe für mich anstand – plötzlich läuft alles reibungslos! Sogar in den Bereichen, in denen Hindernisse und Schwierigkeiten zu erwarten und normal gewesen wären, nichts, alles erledigt sich fast von selbst. Ich empfand eine grosse Dankbarkeit und ruhige Zufriedenheit. Und vergessen waren die anstrengenden Monate – dachte ich.

Letzte Woche stellte ich bei einer Behörde einen Antrag, der von einer Menge Dokumenten begleitet sein musste, sodass der Briefumschlag, in dem ich das Ganze versandte, recht voluminös und schwer war.
Gestern fand ich in meiner Post einen gleich voluminösen und schweren Brief mit dem Absender eben dieser Behörde. „Oh nein!“, war mein erster Gedanke, weil mir die ganzen Schwierigkeiten des vergangenen Jahres augenblicklich wieder präsent waren, „der Antrag ist abgelehnt und sie schicken mir alle meine Unterlagen zurück.“
Doch noch bevor ich den Umschlag öffnete, wurde mir bewusst, wie ich gerade dabei war, einen negativen Ausgang zu programmieren – indem ich ihn erwartete und so meine Gedankenenergie darauf richtete. Und sofort fiel mir Schrödingers Katze ein. Ich erzähle dieses Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger kurz in geraffter und vereinfachter Form *.

Man sperrt eine Katze in eine Kiste, in der sich eine geringe Menge einer noch nicht zerfallenen radioaktiven Substanz befindet. Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb einer bestimmten Zeitspanne Radioaktivität entsteht und die Katze tötet, liegt bei 50 Prozent.
Nun steht man nach abgelaufener Zeit vor der geschlossenen Kiste und weiss nicht, ob die Katze lebendig oder tot ist. Bis man den Deckel nicht geöffnet hat, sind beide Möglichkeiten gleich real.

Mein Briefumschlag der Behörde enthielt also beide Möglichkeiten, Zu- und Absage, bis ich ihn nicht öffnete und nachschaute. Bevor ich ihn aufriss, sagte ich mir also: „Nichts ist wirklich geschehen, bis ich es zur Kenntnis nehme. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, Zeit ist lediglich eine Dimension. Ich öffne jetzt den Umschlag und der Bescheid ist positiv. In diesem Augenblick fällt die Entscheidung.“
Der Bescheid ist positiv! Die Behörde hatte mir meine Unterlagen nicht zurückgeschickt – der Brief war so dick, weil sie eine Informationsbroschüre beigelegt hatten.

Unsere Gedanken sind eine überaus machtvolle Energie. An uns ist es, sie richtig zu nutzen.

* Ich weiss, dass Schrödinger mit diesem Gedankenexperiment etwas anderes darlegen wollte als die Schlussfolgerungen, die ich ziehe. Alle Physiker mögen mir verzeihen, dass ich es in dieser spirituellen Form verwende.

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Regeln eines Zen-Meisters

Immer wieder stelle ich fest, wie viele Ähnlichkeiten im Kern der verschiedenen mystischen Richtungen von Religionen und Philosophien bestehen. Deshalb gebe ich heute einige Empfehlungen eines Zen-Meisters* an seine Schüler wieder, die ebenso gut aus dem Karma Yoga stammen könnten.

• In der Welt zu leben, ohne Anhaftung an den Staub der Welt, ist der Weg eines wahren Zen-Schülers.
• Wenn du jemanden bei einer guten Tat siehst, ermutige dich selbst, seinem Beispiel zu folgen. Hörst du von einem Fehler eines anderen, so ermahne dich, ihn nicht nachzuahmen.
• Die Armut ist dein Schatz. Tausche ihn nie gegen ein bequemes Leben ein.
• Die Tugenden sind die Früchte der Selbstdisziplin und fallen nicht von selbst vom Himmel wie Regen oder Schnee.
• Ein edles Herz zwingt sich anderen nie auf. Seine Worte sind seltene Edelsteine, kaum je zur Schau gestellt und von grossem Wert.
• Dem aufrichtigen Schüler ist jeder Tag ein glücklicher Tag. Die Zeit vergeht, aber er bleibt nie zurück. Weder Ruhm noch Schande berühren ihn.
• Lebe sinnvoll und überlasse die Ergebnisse dem grossen Gesetz des Universums. Verbringe jeden Tag in friedlicher Kontemplation.

* Zangetsu war ein chinesicher Zen-Meister aus der Zeit der Tang-Dynastie (zumindest steht diese Aussage auf einigen wenigen Websites – sehr bekannt war er wohl nicht, da man im Internet kaum etwas über ihn findet; dennoch finde ich seine Regeln interessant und lehrreich)

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Mein neues „Sonnwandeln“

Vor gut zehn Jahren begann ich, Sonnwandeln zu schreiben, eine Schriftenreihe für spirituelle Entwicklung im Alltag. Es entstanden schliesslich dreissig thematische Ausgaben, insgesamt über 600 Seiten. Den Namen Sonnwandeln wählte ich in der dop­pelten Be­deutung von „auf dem sonnigen Lebensweg wandeln“ und „sich zu einem sonnigen Gemüt wandeln“. Diese Schriftenreihe, die es nur in elektronischer Form gab, habe ich jetzt in gedruckte Bücher umgeformt und bei dieser Gelegenheit gründlich überarbeitet. Der erste Band mit dem Titel „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“ ist soeben erschienen, die übrigen vier erscheinen nach und nach.
Jedes Kapitel entspricht einer Ausgabe der früheren Schriftenreihe und weist die gleiche Struktur auf: „Einführende Gedanken“ stellt eine Einleitung ins Thema dar und wirft auch Fragen auf, die ich dann in den weiteren Rubriken „Vertiefende Aspekte“ und „Fragen & Antworten“ konkret und alltagsbezogen be­handle, wie es meine Art ist.
Zu jedem Thema gibt es eine Aufgabe für die innere Entwicklung, ergänzt durch Vorschläge für Affirmationen, eine Ima­gination oder Meditation und unterstützende Heilsteine und Bach-Blüten.

Das Konzept von Sonnwandeln ist einzigartig in seiner Ganzheitlichkeit und seinem Alltagsbezug.
Dabei geht Sonnwandeln einen Schritt weiter als die meisten Ratgeber-Bücher und die spirituelle Literatur, indem es die behandelten Themen nicht nur in einen konkreten Alltagsbezug stellt, vielmehr auch Entwicklungsziele Schritt für Schritt klar definiert und die entsprechenden Aufgaben dazu stellt.

Gebet und Meditation sind eine Seite der Spiritualität, eine wichtige – doch darüber gibt es schon viel Literatur und manche Website.
Deshalb konzentriert sich Sonnwandeln darauf zu zeigen, wie wir die spirituelle Ebene in unseren Alltag einbringen können, im Beruf, in Partnerschaft und Familie, bei Freizeitaktivitäten, mit Freunden und all unseren Mitmenschen, in unseren täglichen Entscheidungen und Taten, durch Krisen und Herausforderungen: Wir lernen Ängste und Wünsche abzubauen, Selbstwert, Urvertrauen und Gleichmut zu stärken – dadurch wachsen wir innerlich und kommen dem Göttlichen näher.

Sonnwandeln steht keiner Religion, Lehre, Kirche, Sekte oder Organisation nahe, ist völlig unabhängig und keiner bestimmten Ideologie verpflichtet. Ich schöpfe aus weltweiter spiritueller, philosophischer und psychologischer Weisheit. Eine Gottfigur der Gebote und Verbote, mit Belohnung und Strafe, findet darin keinen Platz, wohl aber das Göttliche als Absolutes, Einheit, Allheit.

Buchtitel_Der_Sinn_des_LebensDer Sinn des Lebens und die Lebensschule
von Karin Jundt
nada-Verlag
ISBN 978-3-907091-05-0
Paperback, 220 Seiten
EUR 19.00 / ca. CHF 25.00

Erhältlich:
• im Buchhandel und in den Online-Shops

Die Kapitel:
1. Der Sinn des Lebens und unsere Lebensaufgabe
2. Lebensphasen und Lebenskrisen
3. Zufall und Schicksal
4. Freier Wille oder Vorbestimmung?
5. Wille und Wollen
6. Unsere Innere Stimme

Sonnwandeln zeigt Wege auf
• wie wir mit weniger Angst und Sorgen gleichmütiger und zufriedener durch das Leben wandern,
• und im alltäglichen Handeln spirituell wachsen können,
• mit beiden Füssen fest in dieser Welt verankert, ohne asketische Praktiken und Entsagung.

Zu den Leseproben…

Noch eine Bitte: Falls euch das Buch gefällt und euch auf eurem spirituellen Weg unterstützt, wäre es für mich sehr hilfreich, wenn ihr eine Bewertung/Rezension in einem oder mehreren Online-Shops abgebt. Vielen Dank!

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Durchs Leben wandern

Die Formulierung „durch das Leben wandern“ verwende ich gerne, nicht nur, weil ich in meiner Freizeit oft lange Wanderungen unternehme. Vielmehr weil eine Wanderung uns dazu dienen kann, Einsichten über unsere aktuelle Lebenssituation zu gewinnen oder uns allgemeine Erkenntnisse zum Leben schenkt. Ja, wir können eine Wanderung ganz bewusst zu diesem Zweck unternehmen. Wir brauchen dann nur die Symbole zu deuten, die uns unterwegs begegnen. Ich erzähle euch von meiner gestrigen Wanderung, dann erkennt ihr sofort, was ich damit meine.

Es war ein sonniger und milder Herbsttag. Ich machte mich auf zu einer Wanderung, deren ersten Teil ich gut kannte, während ich die zweite Hälfte der Strecke noch nie gegangen war. Und von diesem zweiten Teil berichte ich.

Nach dem Aufstieg an der Sonne mit einer fantastischen Sicht auf die schon leicht verschneiten Berge ging es abwärts ins andere Tal. Ich hatte mir bewusst eine Tour ausgesucht, die nur über Wanderwege und nicht über alpine Wege führte, weil ich nicht auf jeden Schritt achten, sondern die Aussicht geniessen wollte.
Ein netter Wunsch, den wir wohl alle haben: ein leichter Lebensweg mit nur Schönem rechts und links. Bis vor knapp vier Jahren war mein Leben der letzten Jahrzehnte tatsächlich sehr sonnig verlaufen, wenn auch nicht immer ohne Anstrengung.

Der Weg war schön breit, etwa drei Meter, und gut zu begehen, bis ich an eine Gabelung kam. Das gelbe Wanderwegzeichen führte hinunter in den Wald und ich sah, dass der Weg schmaler, steiler und ziemlich matschig wurde.
In die andere Richtung verlief „mein“ schöner breiter Weg – nur zeigte leider kein Wegweiser in diese Richtung und ich hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.
Ich nahm an – oder hoffte –, dass der richtige Wanderweg irgendwann wieder auf diesen schöneren Weg führen würde. Und blieb auf dem unmarkierten schönen Weg. Mir war allerdings bewusst, dass ich vielleicht würde umkehren müssen – doch ich bin beim Wandern sehr ausdauernd, auch sechs, sieben Stunden Marsch machen mir nichts aus. Deshalb erschreckte mich der Gedanke eines Umwegs nichts.
Wir entscheiden uns oft für den Weg, der uns leichter scheint. Obwohl äussere Anzeichen dafür sprechen, dass ein anderer Weg sicher richtig wäre, gehen wir den unsicheren. Allerdings dürfen wir auch immer darauf vertrauen, dass es keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen, und wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Und dass das Göttliche uns nie mehr auferlegt, als wir zu tragen vermögen.

Nach einer gefühlten knappen halben Stunde, immer leicht abwärts, angenehm, endete der Weg bei einer in dieser Jahrezeit bereits unbewohnten Alphütte. Es gab keine Möglichkeit, von da weiter zu wandern. Ich musste zurück zur Weggabelung, aber es machte mir nichts aus. Ich setzte mich kurz auf die Bank vor der Hütte und ass ein paar süsse Weintrauben, die ich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Der leichte Weg, den wir wider besseres Wissen gehen, führt oft in eine Sackgasse. Wenn wir das erkennen, dürfen wir uns keine Selbstvorwürfe machen, sondern sollten uns kurz besinnen, uns stärken, und uns dann wieder auf den richtigen Weg begeben.
Erstaunlicherweise erreichte ich die Weggabelung viel schneller, als ich angenommen hatte – oder der Weg zurück kam mir nicht so beschwerlich vor.
Einzig unsere Bewertung macht es aus, wie wir eine Situation empfinden, objektiv gibt es nicht Gutes und nichts Schlechtes. Gehen wir eine noch so schwierige Lage mit Gleichmut an, so ist sie viel leichter zu ertragen.
Ich fügte mich also in mein Schicksal und ging den steilen, matschigen Weg hinunter ins Tal. Der Wald war ziemlich dicht, kein Sonnenstrahl kam durch und je weiter nach unten ich kam, desto kühler wurde es – es war die Schattenseite des Berges. Ich trug ein Kurzarm-T-Shirt und Wandersandalen ohne Socken; natürlich hatte ich noch eine Jacke dabei, aber ich hoffte, ich würde bald aus dem Wald herauskommen und die Sonne mich dann wieder wärmen. Doch der Wald hörte und hörte nicht auf, der Weg war stellenweise sehr matschig, ich musste langsam und vorsichtig gehen. Aber meistens kam ich trotzdem gut am Matsch vorbei, ganz am Rand oder weil trockenes Herbstlaub dick über dem Matsch lag. Meistens, doch nicht immer. Meine Füsse waren schon ganz braun vor lauter Schlamm, meine Hosenbeine verspritzt.
Diese Wegstrecke interpretiere ich als meine Lebenssituation der letzten knapp vier Jahre. Etwas dunkel, steil, nicht wirklich gefährlich, aber mit Achtsamkeit und Vorsicht anzugehen. Allerdings auch immer wieder eine Hilfe, ein leichteres Stückchen Weg, und über alles gesehen, doch durch eine schöne Landschaft. Und die unschönen Äusserlichkeiten sollten wir später so leicht wegwischen wie man schmutzige Füsse und Hosen wäscht!
Als sich der Wald ein klein wenig lichtete und ich weiter talwärts blicken konnte – Nebel! Wenn ich beim Wandern etwas nicht mag, dann ist es Nebel. Man verliert schnell die Orientierung, übersieht Wegzeichen. In dem Moment kam ein Hauch von Missmut über mich: So sehr hatte ich gehofft, bald wieder an der Sonne zu sein, und jetzt auch noch das! Bei dieser Wetterlage ist bei uns Nebel in den Bergtälern nichts Aussergewöhnliches, aber ich hatte mir vor meiner Wanderung die Webcams im Internet angeschaut, und nur Sonne gesehen.
Wie ich weiterging, merkte ich, dass der Nebel sich etwa in meinem gleichen Gehtempo hinunter zurückzog.
Was machen wir uns doch immer unnötig Sorgen über Künftiges! Selbst wenn wir weiter vor uns Schwierigkeiten sehen oder vermuten – wer sagt uns denn, dass wir tatsächlich auf sie treffen? Eine ganz wichtige Lebenslektion: Mit Urvertrauen weiter gehen und uns mit den Herausforderungen dann auseinandersetzen, wenn sie wirklich da sind.
Endlich wurde der Weg flacher und breiter, mündete in eine asphaltierte Strasse, bald war der Wald fertig, der Nebel verschwunden und in der Ferne sah ich eine sanfte Hügellandschaft in der Sonne. Ich beschleunigte meinen Schritt, meine Füsse waren inzwischen sehr kalt, auf der schattigen Wiese am Waldrand lag Raureif.
Beinahe wäre ich auf dem unscheinbaren Glatteisfilm auf der Strasse ausgerutscht, ich konnte einen Sturz gerade noch akrobatisch abwenden.
Es ist befreiend, wenn wir nach einer dunklen Zeit am Horizont wieder die Sonne sehen. Manchmal haben wir es jedoch zu eilig, aus einer unangenehmen Lage herauszukommen und werden unvorsichtig. Diese Erkenntnis traf mich gestern bei meinem Ausrutscher wie ein Blitz! Ich sagte mir: „Karin, geh langsam voran, überstürze nichts, sieht es auch noch so vielversprechend aus, lass dem Göttlichen die Zeit, für dich das Beste zu wirken, reiss die Zügel nicht an dich…“ Und eine Woge der Dankbarkeit und Zuversicht durchströmte mich.
Schliesslich, endlich!, war ich wieder an der Sonne, die Strasse schlängelte sich sanft hinunter zum Dorf, noch eine Dreiviertelstunde verriet mir der Wegweiser. Und rot leuchtete etwas weiter unten eine Bank am Wegrand – dort wollte ich eine Weile rasten, etwas essen und trinken und ausruhen, bevor ich dann auf mein Ziel zusteuerte.
Lassen wir uns Zeit, der Weg ist das Ziel. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg zu geniessen und vor allem daraus zu lernen.

Viele Male habe ich schon eine Wanderung unternommen, mit der bewussten Absicht, aus den Symbolen Antworten zu finden. Und jedes Mal habe ich wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.
Ich kann euch empfehlen, wenn ihr einmal Fragen an eure Lebenssituation habt, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst oder Einsichten sucht: geht wandern! Es darf durchaus auch ein Spaziergang sein, Hauptsache ihr geht allein und hinaus in die Natur. Wählt eine Route, die ihr nicht kennt, es ist dann einfacher, sie unvoreingenommen zu begehen. Seid wachsam für alles, was euch auf dem Weg begegnet, spürt, was es in euch auslöst, folgt den spontanten Assoziationen, die in euch aufkommen, nehmt die Einsichten und Erkenntnisse in euch auf.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen eine frohe Wanderung durchs Leben!

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Fragen zu Urvertrauen und Gleichmut

Interview mit Karin Jundt über Karma YogaLetzte Woche erschien in einigen Schweizer Regionalzeitungen ein Interview mit mir über Karma Yoga. Das Interview hat Gabriele Spiller (GS) geführt, der ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich für das bereichernde Gespräch danke.

Das gesamte Interview könnt ihr als PDF-Datei herunterladen.
Die Antworten zu einigen der mir gestellten Fragen will ich nachfolgend noch etwas vertiefen.

GS: Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Diese Verunsicherung ist nichts Neues, früher lag sie nur in anderen Herausforderungen, beispielsweise in Missernten und der Willkür der Herrschenden.
Ich gehe oft so weit zu sagen, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf unser Schicksal haben, und stosse dabei nicht selten auf Widerspruch. Doch diese Erfahrung haben wir ja alle schon gemacht: Wir bemühen uns, ein Ziel zu erreichen, setzen alles daran, die Vorzeichen sind günstig – und dennoch scheitern wir. Auf der anderen Seite fallen uns manchmal die gebratenen Tauben nur so in den Schoss, ohne dass wir uns angestrengt haben.
Auch sind wir dem Schicksal völlig ausgeliefert, etwa was Tod und Krankheiten betrifft. Ebenso wenn andere Menschen involviert sind, da wir ihnen nicht unseren Willen aufzwingen können, beispielsweise wenn mein Partner mich verlässt oder mein Arbeitgeber mich entlässt.
Wir wünschen und planen zwar, aber was schliesslich daraus entsteht, entzieht sich unserer Macht. Deshalb ist Urvertrauen so wichtig. Wir haben im Grunde genommen gar keine andere Wahl. Entweder wir hadern mit dem Schicksal, verbittern, kämpfen gegen Windmühlen, versinken in Selbstmitleid – oder wir vertrauen darauf, dass immer alles nur zu unserem Besten geschieht, dass wir in dieser Lebensschule geführt und getragen sind. Dass alles einen Sinn hat, selbst wenn wir ihn nicht unmittelbar erkennen.

GS: Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Die meisten Menschen glauben an ein Göttliches in irgendeiner Form, mir sind in meinem Leben selten echte Atheisten begegnet. Viele haben jedoch Mühe mit dem Gott, der ihnen als Kind vermittelt wurde. Dazu hat Tolstoi etwas Treffendes gesagt: „Wenn in dir der Gedanke aufkommt, dass alles, was du über Gott dachtest, falsch ist und dass es keinen Gott gibt, so lass dich dadurch nicht verunsichern. Es geht allen so. Meine aber nicht, dein Unglaube rühre daher, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an deinen früheren Gott glaubst, so liegt es daran, dass an deinem Glauben etwas falsch war, und du musst versuchen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, so bedeutet das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Es ist zugegebenermassen manchmal nicht leicht, an einen weisen, allmächtigen, liebenden Gott zu glauben, wenn man sieht, was auf der Welt geschieht, wie viele Menschen leiden. Aber: Wenn wir an eine höhere Macht in welcher Form auch immer glauben, liegt es dann nicht nahe, dass dieses Höhere einen besseren Überblick über das Weltengeschehen hat als wir und weiss, was es tut? Und ist es nicht anmassend, wenn wir meinen, mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist verstehen zu können, was dieses Höhere mit der Welt, wie sie ist, bezweckt?
Doch mir liegt es fern, jemanden bekehren zu wollen. Jeder Mensch muss der Wahrheit vertrauen, die in ihm selbst anklingt. Dann wird der persönliche Glaube zu einem Wissen, und nur dann können wir auch danach leben. Alle anerzogenen oder aufgezwungenen Dogmen sind sinnlos, sie führen nur zu Scheinheiligkeit und Heuchelei.

GS: Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. Warum passiert gerade mir das, und warum gerade jetzt?
Die Frage nach dem Warum stellen wir uns tatsächlich immer wieder. Präziser muss sie lauten: „Was will mich dieses Ereignis lehren?“ Der Sinn des Lebens scheint in der Evolution zu liegen, allerdings nicht nur in der physichen, sondern vor allem in der geistigen. So ist das Leben selbst unsere Schule, in der wir lernen und uns zur Vollkommenheit hin entwickeln – spirituell ausgedrückt: zur Gottesverwirklichung oder Erleuchtung oder wie man es nennen will.
Daher werden wir – und hiermit ergänze ich auch die vorangehende Frage nach der sinnvollen Lenkung des Universums – an die Erfahrungen herangeführt, durch die wir etwas lernen können. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, jeder Mensch hat seine eigenen Lektionen zu lernen. Deshalb haben nicht alle Menschen auf der Welt das gleiche Schicksal.
Was auch immer auf uns zukommt, das Urvertrauen sagt uns: „Das Göttliche wird schon wissen, warum mir das jetzt geschieht. Und ich bemühe mich, die Lektion zu verstehen.“
Der Gleichmut ist dabei ebenfalls unerlässlich, denn er hilft uns, das sogenannt Angenehme und das sogenannt Unangenehme gleichermassen zu akzeptieren. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, heisst es: „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren in­neren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavadgita XIV, 24 f.) Es geht also darum, nicht zu werten: Die Dinge sind an sich weder gut noch schlecht, erst durch unsere Bewertung machen wir sie zu etwas Erwünschten oder etwas Verhasstem.
Gelingt es uns, mehr Gleichmut zu entwickeln, so leben wir gesamthaft zufriedener. Denn in 95 Prozent unseres Alltags reiben wir uns an Banalitäten, etwa dass das Wetter schlecht ist, wenn wir wandern gehen wollen, oder dass die Kinotickets für einen Film schon ausverkauft sind, oder dass das Essen im Restaurant nicht unseren Erwartungen entspricht und und und. Diese Alltagssituationen mit Gleichmut anzunehmen ist nicht allzu schwer, haben wir die Einsicht einmal gewonnen. Und es ist die richtige Übung für den Fall, dass uns einmal ein wirklich schwerer Schicksalsschlag trifft.

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Alles hat einen Sinn

Als ich vor einigen Tagen auf dem Bahnsteig stand und auf den Zug wartete, näherten sich mir zwei Frauen, etwa Mitte 30, die heftig miteinander diskutierten.
„Diesen esoterischen Spruch ‚Alles hat einen Sinn‘ kann ich nicht mehr hören! Verschon mich damit!“, sagte die eine ziemlich aufgebracht. Die andere wollte etwas erwidern, kam jedoch nicht zu Wort, weil die erste gleich weiterfuhr: „Würdest du das auch einer Mutter sagen, deren Kind gerade gestorben ist?“

Schon waren die beiden an mir vorbei und ausser Hörweite. Doch es machte mich nachdenklich. Wie oft hatte ich doch diesen oder einen ähnlichen Spruch schon gesagt! Eine so heftige Reaktion war mir jedoch nie entgegengebracht worden. Und es ist nun einmal das, woran ich glaube und was ich in meinem Leben schon unzählige Male erfahren habe. Natürlich sage ich es nicht zu jedem und in jeder Situation; ich vertraue darauf, dass meine Innere Stimme mir schon die richtigen Worte auf die Zunge legt, wenn es darum geht, jemanden zu trösten und ihm Mut zu machen.

Mir wurde dieser Satz zum ersten Mal von einer weisen Frau gesagt, als mein Partner gestorben war. Und mir hat er damals gutgetan! Er hat mir zwar den Verlustschmerz nicht nehmen können, aber er hat ein kleines Licht der Zuversicht angezündet, dass alles gut wird. Später habe ich dann tatsächlich auch verstanden – also den Sinn erkannt –, warum ich meinen Partner durch den Tod verlieren musste.

Am berührendsten war dieser Satz für mich aber, als ich ihn einmal aus dem Mund einer Freundin hörte, deren Kind an einem äusserst aggressiven bösartigen Tumor erkrankt war. Sie sagte, mehr zu sich selbst als zu mir: „Es wird schon einen Sinn haben… auch wenn ich ihn überhaupt nicht sehe und wahnsinnig Angst habe, meinen Kleinen zu verlieren.“ Und sie weinte dabei.

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Freedom is just another word…

… for nothing left to lose (Freiheit ist bloss ein anderes Wort für Nichtsmehrzuverlierenhaben) – sang Janis Joplin in ihrem Lied „Me and Bobby McGee“ gestern im Radio. Ich drehte die Lautstärke voll auf und es lief mir kalt den Rücken hinunter. Beim Ausklingen wurde mir wieder einmal schlagartig bewusst, wie sehr unsere Anhaftung an Dinge und Menschen unsere innere und äussere Freiheit einschränkt. Darüber – ebenfalls inspiriert von diesem Song – habe ich früher schon auf dieser Website geschrieben, siehe hier.

Was ich gestern aber noch schmerzlicher realisiert, ja plötzlich beinahe physisch gespürt habe: Die Anhaftung frisst eine Menge Energie. Energie, die uns dann fehlt für Initiativen, Unternehmungsgeist, Entscheidungen, bis hin zur Lebensfreude.
Egal was das Objekt unserer Anhaftung ist, ein Besitzstück (wie ein Haus), unser Job, ein geliebter Mensch, eine Lebensweise – immer ist ein Teil unserer Energie in dieser Anhaftung gebunden, sei es in der Angst, das Objekt nicht zu erlangen oder zu verlieren, sei es in glücklichen Gedanken daran. Meistens ist uns nicht bewusst, wie viel Energie wir darin verschleudern, denn unsere Sorge oder Freude steht nicht ständig im Vordergrund unserer Gedanken, vielmehr irgendwo im Hinterkopf oder in einem verborgenen Winkel unseres Herzens.

Was können wir gegen die Anhaftung und besonders gegen diese Energieverschwendung tun, wie können wir uns daraus befreien und diese Freiheit erlangen, die wir nur geniessen, wenn wir nichts besitzen, was wir zu verlieren fürchten?

Natürlich: Urvertrauen, Gleichmut und Selbstliebe helfen dagegen. Heute möchte ich euch aber zwei konkretere Anregungen geben, über die ich bei meinem langen Spaziergang vorhin nachgedacht habe – in eigener Sache, denn ich spüre, wie ich selbst in letzter Zeit ebenfalls der Anhaftung an eine bestimmte Lebensweise erlegen bin.

• Treffen wir unsere Entscheidungen und handeln wir so, als ob es das Objekt unserer Anhaftung nicht gäbe. Mit anderen Worten: Die Anhaftung ist zwar da, aber wir übergehen sie einfach, wir lassen uns durch sie nicht an dem hindern, was wir tun möchten.

• Arbeiten wir ganz intensiv an unserem Urvertrauen. Also: Vertrauen wir darauf, dass wir im Leben geführt werden, und zwar dahin, wo es gut für uns ist, und hören wir deshalb auf, etwas Bestimmtes zu wollen oder nicht zu wollen. Sagen wir mit tiefer Überzeugung zum Göttlichen: Dein Wille geschehe.

Zu diesen beiden Punkten muss ich unbedingt ergänzen, dass der Grat zwischen „mich führen lassen“ und „eine Sache schlittern lassen“ ein ganz, ganz schmaler ist! Gerne und oft zitiere ich das Gebet:

Lieber Gott, gib mir die Kraft und den Mut zu ändern, was ich ändern kann, die Gelassenheit zu ertragen, was ich nicht ändern kann, und die Weisheit zwischen den beiden zu unterscheiden.

Dass selbst dieses Lebensmotto sich wegen der Schwierigkeit der weisen Unterscheidung nicht immer so einfach anwenden lässt, zeigt mein eigenes Beispiel. Ich befinde mich seit geraumer Zeit in einer Lebenssituation, die mir nicht gefällt. Ich kann abwarten, bis mir eine Entscheidung von aussen aufgezwungen wird, sie wird früher oder später unweigerlich kommen. Oder aber ich kann die Situation selbst ändern, allerdings habe ich keine echten Wahlmöglichkeiten, ich kann mich nämlich nur für eine Richtung entscheiden, und zwar für diejenige, in die ich nicht will.
Hm… nicht will? Wollen, nicht wollen… Solche Formulierungen sollten uns immer stutzig machen. Befinde ich mich in dieser Situation mit nur einem ungeliebten Ausweg, weil ich lernen soll, sie mit Gelassenheit zu ertragen, bis das Göttliche mich in die von Ihm bestimmte Richtung führt?
Oder erwartet das Göttliche von mir, dass ich mein Leben endlich selbst in die Hand nehme und die Entscheidung treffe, war ich bisher einfach nur zu feige dazu?
Wie viel Ego steckt im Ändernwollen, wie viel im Nichtändernwollen?

Ich weiss es nicht. Meine Innere Stimme, die mich sonst so zuverlässig leitet, schweigt. Wahrscheinlich weil ich mich an eine andere meiner Lebensweisheiten halten soll: Solange ich nicht ganz sicher weiss, in welche Richtung ich gehen soll, ändere ich nichts an meiner Situation. Zumindest nichts Entscheidendes, sondern ich treffe nur, wie oben unter dem ersten Punkt erwähnt, meine „kleinen“ Entscheidungen unabhängig vom Objekt meiner Anhaftung.

Bringen wir einerseits den Mut auf, die Anhaftung zu übergehen und unseren Weg zu beschreiten, und andererseits das Urvertrauen und den Gleichmut, unser Wollen/Nichtwollen loszulassen, vergeuden wir zumindest darin keine Energie mehr. Damit ist schon viel gewonnen.

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Der Planet, auf dem Gott wohnt

Ich wollte über einiges meiner gegenwärtigen Lebenssituation nachdenken und bin mit dieser Absicht für ein paar Tage ans Meer gefahren, allein.
Unterwegs im Auto hörte ich einen Science-Fiction-Roman von Andreas Eschbach, „Quest“, ein Audiobuch, das mein Liebster mir eine Woche davor gegeben hatte. Science-Fiction ist nicht gerade mein bevorzugtes Genre, aber da ich von diesem Autor schon einiges gelesen hatte und ihn tiefgründiger wusste als irgendeiner, der einfach über Aliens und interstellare Kriege schreibt, hatte ich einmal hinein gehört und die spannende Geschichte packte mich schnell. So fand ich es auch eine gute Ablenkung von meinen Gedanken, die ich mir für die langen Spaziergänge am Strand aufsparen wollte.
Etwa eine Stunde bevor ich mein Ziel am Meer erreichte, kam ich im Roman an eine Stelle, die mich aufhorchen liess. Bis dahin wusste man nicht, worum es Quest, dem todkranken Kommandanten des Raumschiffs, wirklich ging. Man wusste zwar, dass er den sagenumwobenen „Planeten des Ursprungs“ suchte, von dem alles Leben des Universums ausgegangen sein soll. Aber erst jetzt, fast am Schluss des Romans, erfährt man, dass er ihn suchte, weil auf ihm angeblich Gott wohnt, und diesem Gott zürnte er und er wollte ihm die Meinung sagen und von ihm endlich wissen, warum so viel Schreckliches passiert war in seinem Leben.
Nun hatten sie den Planeten des Ursprungs also endlich gefunden und das Raumschiff befand sich auf einer Umlaufbahn um ihn. Nur Quest ging auf den Planeten hinunter, während die anderen im Raumschiff blieben und auf ihn warteten. Lange, sehr lange, bis er endlich zurückkehrte.
Natürlich fragten sie ihn, was er erlebt habe. Er erzählte, er sei einfach herumgelaufen und habe irgendwann angefangen Gott zu rufen und ihm schliesslich, ohne ihn zu sehen oder zu spüren, seinen ganzen Groll herausgeschrien.
„Und dann?“, fragte ein Besatzungsmitglied, „Was geschah dann?“ Alle waren äusserst gespannt.
Aber Quest antwortete nur: „Nichts. Es geschah nichts.“
Er war frustriert, verzweifelt gewesen, dass er nach der Mühsal, um Gottes Planeten zu finden, nichts erreicht, keine Antwort auf seine Fragen gefunden hatte. Er sagte:

Ich habe einfach aufgegeben. Vielleicht gibt es überhaupt nichts, das man finden könnte, womöglich existiert nichts, das man erreichen könnte. Das ging mir wie ein Blitz durch den Kopf. Ich hatte plötzlich das Gefühl, das Spiel zu durchschauen. Ein infames Spiel. Wir sind so geschaffen, dass wir den Drang in uns fühlen, nach etwas zu streben, etwas zu wollen, uns nach etwas zu sehnen. Aber wir wissen nicht genau was eigentlich. Solange wir jung sind, suchen wir es in der Liebe zwischen Mann und Frau, später im Reichtum, im Einfluss, in Reisen oder Abenteuern. Und immer wenn wir etwas erreicht, etwas gefunden, etwas erlangt haben und feststellen, dass es nicht das war, wonach wir gesucht haben, sagen wir uns, dass wir einfach noch ein Stück weiter gehen müssen, dass es nicht mehr weit sein kann, dass es gleich um die nächste Ecke sein muss, endgültig und ein für alle Mal.
Aber was, wenn dieser Drang einfach ins Leere läuft, wenn er uns nach etwas suchen lässt, das überhaupt nicht existiert, wenn er nur dazu da ist, uns ein Leben lang in Bewegung zu halten, damit das Schauspiel immer weiter geht, das Drama der Hoffnungen und Leidenschaften, über das ein böser Gott sich amüsiert?
Ich beschloss, mich zu verweigern, ich beschloss mich hinzusetzen und nichts mehr zu tun, einfach nichts mehr zu wollen oder zu wünschen, auch nur zu denken, weil mein Denken bloss eine andere Art des Wollens, Planens und Strebens gewesen wäre.
Also habe ich mich hingesetzt und beschlossen, absolut nichts mehr zu tun, egal was passieren würde. Ich sagte mir, dass ich im schlimmsten Fall sterben würde, aber das würde ich sowieso. Und so habe ich es gemacht, ich habe mich hingesetzt und mich geweigert, irgendetwas zu tun.
[…]
Ich sass einfach nur da. Ich fiel in dämmrigen Schlaf, schreckte immer wieder hoch, doch als die Müdigkeit übermächtig wurde, wehrte ich mich nicht mehr und sank zur Seite. Ich weiss noch, dass ich dachte, ich würde nun sterben, und dass es mir gleichgültig geworden war. Aber ich bin wieder aufgewacht. Ich lag da, starrte vor mich hin, in das Gespinst der Flechten und es war mir egal, dass ich noch lebte. Ich wartete nicht einmal mehr auf irgendetwas. Ich hatte sogar aufgehört, mich zu verweigern.

Wundervoll, dieses vollständige Loslassen! Es erinnerte mich an die Geschichte des Buddha, der alles versucht hatte, um die Erleuchtung zu erlangen, und es nicht geschafft hatte – bis er sich unter einen Baum setzte und aufgab.
Das Hörbuch ging noch weiter, Quest sagte: „Und dann… ist es geschehen.“ „Was? Was ist geschehen?“, fragten die anderen, „Ist dir Gott erschienen?“
Und so ging die Geschichte weiter:

„Gott…“. Quest sprach das Wort aus, als würde er es schmecken. „Nein. Ich glaube nicht. Oder vielleicht doch. Wir irren uns alle völlig, das weiss ich jetzt. Die Wahrheit ist unfassbar anders, als wir denken.
Ich habe eine andere Welt gesehen. Oder ich habe diese Welt gesehen, nur mit anderen Augen. Wenn ich euch nur sagen könnte, was ich gesehen habe! Es ist alles so viel gewaltiger, als wir es uns auch nur erträumen können. Die Wahrheit ist so wunderbar, dass es einen umbringen kann, sie zu erfahren.“
Urplötzlich lachte er auf, lachte laut und lauter, brüllte beinahe, während sie ihn entsetzt beobachteten. Dann beruhigte er sich wieder, fand zu einem gelösten, heiteren Lächeln zurück, wie man es auf seinem Gesicht noch niemals gesehen hatte.
„Ihr werdet das nicht verstehen, aber ich muss es euch doch sagen. Das Leben ist absurd, unsere ganzen Ambitionen, unsere ganzen Enttäuschungen sind lächerlich, unsere Schmerzen sind lächerlich, sogar ich selbst“, fügte er hinzu und zuckte förmlich vor Heiterheit, „bin absolut lächerlich.“
„Ich glaube, ich will auch da hinunter fliegen“, entfuhr es einem der Männer.
„Das könnt ihr tun“, sagte Quest mit einem seltsam unersten Ernst. „Aber glaubt mir, man kann Gott nicht besuchen, eine Tasse Tee mit ihm trinken, sich nett mit ihm unterhalten und dann wieder seiner Wege gehen. Denkt daran: Dort hinab zu gehen, bedeutet, sein Leben einzubüssen, ohne zu wissen, was danach kommt.“

Ich war tief berührt. Alles Weisheiten, die ich längst kannte. Aber offenbar war es nötig, dass mich jemand wieder einmal daran erinnerte.
Hör auf zu wollen! Hör auf zu planen! Gib dem Göttlichen die Chance, dich zu führen, zu dem, was gut für dich ist, ohne dass du die Richtung vorgeben willst! Lass los! Vergiss nicht, dass du mit Gott eine Tasse Tee getrunken hast – du kannst nie wieder einen anderen Weg gehen.

Als ich später am Strand barfuss dem Wassersaum entlang ging, erklangen diese Erkenntnisse in mir, nicht im Kopf, sie schwangen in meiner Seele. Seit langem hatte ich nicht mehr diesen Frieden in mir gefühlt, diesen Gleichmut, dieses Loslassen.
Und in dieser Hingabe, in der absoluten Stille meiner Gedanken, waren plötzlich all die Antworten in mir, nach denen ich wochen- und monatelang gesucht hatte.

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