Die Suche nach der eigenen Lebensaufgabe

Wie finden wir die sinnvolle weltliche Aufgabe, die unserer Seele entspricht? Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, auch von Menschen, die sich bewusst sind, dass der Sinn unseres irdischen Daseins darin liegt, uns innerlich zu entwickeln und die Gottesverwirklichung/Erleuchtung zu erlangen. In der Tat machen sich gerade Menschen, die an ein spirituelles Ziel des Lebens glauben, besonders viele Gedanken da­rüber, wie sie im gewöhnlichen Alltag sinnvoll leben können. Schliesslich findet das Leben hier auf der Erde statt und hier sollten wir mit beiden Füssen fest stehen.
Ich selbst war viele Jahre lang mit meiner weltlichen be­ruflichen Tätigkeit unzufrieden, hielt sie für unnütz und wünschte mir, etwas Sinnvolles tun zu dürfen. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, dass mein einziges Ziel – meine innere Entwicklung – nicht davon abhängt, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Im Gegenteil, später sah ich ein, dass sich mir gerade in meiner unbefriedigenden be­ruflichen Umgebung ausgezeichnete Möglichkeiten geboten hatten, zu lernen und zu wachsen. Ich habe sie oft nicht genutzt.

Innerlich wachsen können wir also bei jeder Aufgabe. Und das Göttliche führt uns ohnehin an die Herausforderungen heran, die für uns nützlich sind. Einige allgemeine Hinweise zum Erkennen der geeigneten weltlichen Aufgabe will ich dennoch geben.
• Wir sollten uns von allen uns auferlegten gesellschaftlichen Vorstellungen lösen, wie: Es ist wichtig, eine gute Ausbildung und einen sicheren Job zu haben; man sollte etwas Sinnvolles tun, was der Allgemeinheit nützt; man muss eine Familie mit Kindern gründen; kulturelle Interessen, aktive Freizeitgestaltung, soziale Kontakte sind unerlässlich.
• Die Dinge und Tätigkeiten, zu denen wir uns als kleine Kinder (bis etwa zum Kindergartenalter) besonders hingezogen fühlten, gehören wahrscheinlich zu unserem wahren Wesen. Damals lebten wir nämlich noch mehr aus unserer Seele als aus dem Ego und waren von der Umgebung noch nicht allzu stark beeinflusst.
• Hingegen müssen wir sorgfältig prüfen, ob das, was uns vermeintlich interessiert oder was wir gerne machen oder nicht mögen, tatsächlich zu unserem wahren We­sen gehört und nicht etwa aus der Nachahmung von Vorbildern und der Be­einflussung durch Bezugspersonen stammt. Manches über­nehmen wir nämlich von aussen und speichern es in un­serem Unbewussten, von wo es dann Be­rufswahl, Wohnort und -form, Partnerschaft, Familie und mehr prägt. Eine Zeit lang meinen wir dann vielleicht, damit recht glücklich zu werden, besonders wenn wir dabei auch einigermassen erfolgreich sind. Doch oft tritt eines Tages, bevorzugt während Lebenskrisen (Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes und andere), eine unbestimmte Unzufriedenheit auf oder die Frage nach dem, „was ich wirklich will“, ein leiser Wunsch nach Veränderung oder gar ein deutlicher nach einer bestimmten Tätigkeit oder Lebensform.
• Spirituell gesehen gibt es weder sinnvolle noch sinnlose Aufgaben. Deshalb dürfen wir uns ruhig den Dingen und Tätigkeiten zuwenden, von denen wir uns angezogen fühlen, die unser Herz erwärmen, die uns echte Freude schenken – mehr als die Befriedigung, die aus der Anerkennung unserer Mitmenschen entsteht, als das Selbstwert­gefühl, das daraus erwächst, dass wir etwas leis­ten, Gutes tun, erfolgreich sind.
• Auch gibt es weder gute noch schlechte Aufgaben, sondern nur jene, die uns weiterführen, und andere, die un­sere innere Entwicklung hemmen. Auf dieser Weltbühne scheint das Göttliche zu­dem die Vielfalt anzustreben und alles Denkbare zu manifestieren. Somit hat alles seine Berechtigung und seinen Platz. Es kann nicht nur Könige und Helden geben – auch wenn wir das gerne wären! –, es braucht ebenso Bettler und Feiglinge, um das kosmische Schauspiel zu inszenieren.
• Manchmal werden uns Aufgaben auf unseren Weg ge­stellt, sie fallen uns gewissermassen zu oder wir werden in sie getrieben. Es ist nicht immer das, was unser Ego möch­te, denn für unsere innere Entwicklung lernen wir wohl mehr, wenn wir nicht das tun, was wir ohnehin schon gut können und uns Spass macht. Um Gleichmut zu üben, kann eine langweilige, un­befriedigende Beschäftigung besser ge­eignet sein; um das Urvertrauen zu stärken, eine schwieri­ge Aufgabe, die uns beinahe überfordert.

Abschliessend will ich noch festhalten:
• Unsere innere Entwicklung ist ständig im Fluss. Wenn das Leben die Schule für unser Bewusstsein ist und unserer inneren Entwicklung dient, scheint es durchaus plausibel, dass wir unserer Wandlung entsprechend immer wieder andere Aufgaben übernehmen möchten/müssen.
• Da wir stets in der Gegenwart leben sollten, im Augenblick, besteht die jeweilige Aufgabe im Kleinen jedenfalls immer darin, das zu tun, was gerade ansteht.
• Vielleicht wird die Frage oder die Suche nach der eigenen Aufgabe im irdischen Leben überbewertet; möglicherweise ist dies eine rein menschliche Vorstellung, wahrscheinlich ist der göttliche Plan viel offener, flexibler…

Dieser Text stammt teilweise aus meinem Buch „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“.

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Neuauflage meiner Romane

Meine beiden spirituellen Romane, die ich um die Jahrtausendwende unter Pseudonym geschrieben hatte, sind inzwischen vergriffen. Deshalb habe ich mich entschlossen, sie als Softcover unter meinem richtigen Namen neu aufzulegen.

Ich empfehle euch, den „Jonathan“ zuerst zu lesen, da diese Hauptfigur auch in der Geschichte des Wanderers wieder eine Rolle spielt, aber chronologisch später.

Beide Bücher und die entsprechenden E-Books sind bereits im Buchhandel und in Online-Buchshops verfügbar.

Viel Freude bei der Lektüre dieser tiefsinnigen Romane!

Buchtitel_Jonathan Buchtitel_Wanderer

Jonathan von der Insel
von Karin Jundt
nada Verlag
ISBN 978-3-907091-09-8
Paperback, 160 Seiten
Format 12 x 19 cm
EUR 13.00

E-Book
ISBN 978-3-907091-12-8
EUR 9.49

–> weitere Infos

Der Wanderer im dunklen Gewand
von Karin Jundt
nada Verlag
ISBN 978-3-907091-10-4
Paperback, 164 Seiten
Format 12 x 19 cm
EUR 13.00

E-Book
ISBN 978-3-907091-11-1
EUR 9.49

–> weitere Infos

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„Mein“ Königsgaukler

Einen Herzenswunsch habe ich mir erfüllt: „Der Königsgaukler“ von Manfred Kyber in meinem Verlag neu herausgegeben. Dieses Märchen aus dem Jahr 1921 über den tieferen Sinn des Lebens kenne ich seit vielen Jahrzehnten und habe es ebenso oft wieder gelesen wie weitergegeben. Jedes Mal, wenn Freunde sich gerade in einer schwierigen Lebenslage befanden und traurig waren oder meinten, nicht mehr weiter­zuwissen, habe ich ihnen mein Exemplar geschenkt, in der Hoffnung, es möge ihnen ebenso viel Trost und Zuversicht spenden wie es mir bei ähnlichen Gemütszuständen jeweils gebracht hat. Für mich habe ich dann immer sofort ein neues Büchlein gekauft – und bald schon wieder verschenken „müssen“.
Gab es früher einmal eine schöne gebundene Ausgabe, so finde ich seit Jahren keine mehr, die mir gefällt und die ich gerne verschenke. Das ist der Grund, warum ich mich entschlossen habe, den Königs­gauk­ler selber herauszugeben: Dieses Juwel der spirituellen Literatur soll liebevoll gestaltet sein und sich edel präsentieren.

Der Königsgaukler ist eines der vier Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wäre ich für den Rest des Lebens dorthin verbannt. Jetzt wollt ihr wahrscheinlich wissen, welche die anderen drei sind? Die „Bhagavad Gita“, ein fast zwei Jahrtausende alter spiritueller Text aus Indien, „Essays on the Gita“ von Sri Aurobindo, dem großen indischen Philosophen und Mystiker, und „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Auch diese Bücher habe ich, wie den Königsgaukler, schon unzählige Male gelesen. Natürlich würde ich viele andere Werke nur ungerne zurücklassen, aber mit diesen vier könnte ich meine Seele und mein Gemüt ausreichend nähren. Bis an mein Lebensende. Alle sind sie nämlich zeitlos – ich bin versucht zu sagen: ewig – in ihrer Weisheit und ihrer Eigenschaft, das Herz zu erwärmen und zutiefst zu berühren.

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Manfred Kyber: Der Königsgaukler
nada Verlag
Hardcover, 72 Seiten
ISBN 978-3-907091-08-1
Preis: EUR 17.00

„Der Königsgaukler“ von Manfred Kyber im nada Verlag ist erhältlich in Buchhandlungen und in Online-Shops.

ACHTUNG: Es gibt mehrere Ausgaben dieses Märchens auf dem Markt (keine so schön wie meine 😉 Beim Kauf müsst ihr deshalb unbedingt angeben, dass ihr diejenige des nada Verlags wollt, oder die ISBN 978-3-907091-08-1 mitteilen.

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Hiob – Gottes Prüfungen?

Neulich habe ich einem Gespräch über Hiob* zugehört. Es ging dabei um die Prüfungen, die Gott uns angeblich auferlegt und wie wichtig es sei, ihm dafür nicht zu zürnen und alles zu akzeptieren; dafür werde man am Ende belohnt.
Für alle, welche die alte Geschichte nicht kennen: Der wohlhabende und rechtschaffene Hiob wird von Gott auf Wunsch Satans geprüft, weil dieser behauptet, die Menschen seien nur fromm, solange es ihnen gut gehe. Gott nimmt Hiob seinen ganzen Besitz, auch seine zehn Kinder und seine Gesundheit, ohne dass Hiob Gott böse ist. Und am Ende wird er von Gott belohnt, bekommt alles doppelt wieder, auch zehn neue Kinder.

Einverstanden bin ich in dem Punkt, man solle dem Göttlichen – oder dem Schicksal, dem Leben, den Höheren Mächten oder wie man diese Instanz nennen will – nicht zürnen. Hauptsächlich schaden wir damit uns selbst, wenn wir uns grämen und verbittert sind. Und wir verpassen dabei die Chancen, die jede Krise uns bietet, die Chancen zu lernen, innerlich zu wachsen und stärker und weiser daraus hervorzugehen.

Nicht einverstanden bin ich jedoch mit der generellen Vorstellung, das Göttliche wolle uns prüfen, und schon gar nicht aus dem Grund, um bösen Mächten irgend etwas zu beweisen.
Auch das Konzept von Strafe und Belohnung durch Gott, das in der Bibel so oft vorkommt, halte ich für eine menschliche Idee von Gerechtigkeit – wollen wir uns wirklich anmassen, den göttlichen Plan auf eine menschliche Ebene zu reduzieren, bloss weil unser beschränkter Verstand sich nichts anderes vorstellen kann?

Nach dem Karma-Gesetz wäre alles, was uns zufällt, die Wirkung vergangener Ursachen, also das Ergebnis früherer Taten: Gutes bringt Gutes, Böses bringt Böses. Doch auch diese starre Gesetzmässigkeit scheint mir wiederum nur ein Erklärungsmodell für scheinbar Unerklärliches: Wo bliebe denn die Gnade und Barmherzigkeit des Göttlichen?
Vielmehr glaube ich, und folge hierin Sri Aurobindos Weisheit, dass der Sinn unseres Lebens die innere Entwicklung zum Göttlichen hin ist. Deshalb wird uns alles gegeben, was diese Entwicklung fördert – manchmal sogenannt Angenehmes, manchmal sogenannt Unangenehmes –, und es wird uns alles genommen, was diese Entwicklung hemmt – manchmal sogenannt Unangenehmes, manchmal sogenannt Angenehmes.
Prüfungen, wollen wir sie denn so bezeichnen, kommen dann auf uns zu, wenn wir aus einer Erfahrung etwas gelernt haben, in der Theorie, und es dann in der Praxis umsetzen sollen – gewissermassen um zu beweisen, dass wir es nicht nur verstanden haben, sondern die neue Erkenntnis auch leben.
Ein Beispiel: Um befördert zu werden, schaltete X einen um die gleiche Stelle konkurrierenden Kollegen aus, indem er ihm mehrmals für die Erledigung seiner Arbeit wichtige Informationen bewusst vorenthielt, sodass der Kollege schwerwiegende Fehler beging. X wurde befördert. Einige Monate später erfolgten interne Umstrukturierungen und die Abteilung von X wurde aufgehoben, er selbst entlassen. Der vermeintliche Erfolg stellte sich als Boomerang heraus; X gewann daraus die Erkenntnis, dass er sich im Wettkampf um die Beförderung unfair verhalten hatte, und versprach sich selbst, nie wieder so zu handeln.
Bei seinem neuen Arbeitgeber geht es nun wieder um eine Beförderung und wieder ist ein Kollege sein Konkurrent. X wäre auf die besser bezahlte Position dringend angewiesen, denn durch die vorangehende Arbeitslosigkeit steckt er in einer finanziell schwierigen Lage. Die Versuchung, mit unfairen Mitteln um die Beförderung zu kämpfen, ist also gross – diese Situation kann man als Prüfung verstehen, ob X seine frühere Erkenntnis nun in die Tat umsetzt. Tut er es und bleibt tatsächlich fair, so hat er die Lektion gelernt. Versucht er hingegen nochmals durch Betrug voranzukommen, so werden die Konsequenzen – kurz- oder langfristig – ihm eine neue Lektion erteilen… so lange, bis er daraus lernt. Wenn nicht in diesem, dann in einem nächsten Leben.

Unser ganzes Leben ist eine Schule, allerdings ohne Bewertung und Noten. Doch den Stoff sollten wir schon lernen, um voranzukommen, sonst bleiben wir sitzen und müssen eine Klasse wiederholen. Betrachten wir jedoch nichts als Strafe. Es sind immer nur Hinweise des Göttlichen, dass wir uns gerade auf einem Irrweg befinden, bemühen wir uns also, auf den rechten Weg zurückzukehren.

* Altes Testament, Buch Hiob.

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Die Welt als Illusion?

Optische Täuschungen haben mich seit jeher fasziniert, und in den letzten Wochen hatte ich anlässlich eines Vorlesungszyklus über unsere Wahrnehmung die Gelegenheit, einige zu sehen (ihr findet zwei Beispiele im Text auf meiner Selbstliebe-Website).
Ist die Welt tatsächlich so, wie wir sie sehen? Gibt es überhaupt eine objektive Realität? Farben etwa sind ja nichts anderes als elektromagnetische Wellen verschiedener Länge – wer kann sagen, ob das, was ich als rot sehe, von jedem Menschen gleich gesehen wird? Dass beispielsweise Insekten Farben anders sehen, auch einen anderen Bereich des Farbspektrums, wissen wir.

Es ist unser Gehirn, das aus allen Sinnesreizen gewissermassen eine individuelle Abbildung herstellt, wobei es die Wirklichkeit nach den bereits gemachten eigenen Erfahrungen interpretiert: Haben wir beispielsweise in unserem Leben schon öfters Vögel am Himmel gesehen, aber noch nie etwas von Flugzeugen gehört, so werden wir das kleine Ding, das wir weit, weit oben sehen, als Vogel erkennen.
Zudem ist unsere Wahrnehmung selektiv, je nach unseren gegenwärtigen Bedürfnissen und Motivation: Wenn wir etwa hungrig sind, während wir eine Strasse entlang gehen, sehen wir jedes Restaurant und jeden Lebensmittelladen, hingegen beachten wir Schmuckgeschäfte kaum. Es gibt ein nettes Experiment, das ihr selber machen könnt, um zu erkennen, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Im Hinduismus spricht man auch davon, dass die ganze erfahrbare Manifestation des Göttlichen, die wir Schöpfung nennen, nichts als eine Illusion sei (Sanskrit: Maya). Es gibt nur eines, das Göttliche (Sanskrit: Brahman). Allerdings sind wir uns dessen nicht bewusst, und der Sinn des Lebens ist das „Erwachen“ und Erkennen der Wahrheit.

Legt die Vorstellung, die Welt sei eine Illusion, also nahe, uns von ihr zurückzuziehen und ausschliesslich die „Wirklichkeit“ zu suchen?
Alles hängt von unserer Definition von Illusion ab. Verstehen wir darunter, dass das Leben wie ein Traum ist, zeitweise ein Albtraum, so ist die logische Konsequenz, dass wir aufwachen und in die paradiesische Wirklichkeit zurückkehren wollen. Das ist der Weg des Buddha, in einem Satz zusammengefasst: Alles Leben ist Leiden, weshalb wir die Illusion unseres Ego und den Kreislauf der irdischen Wieder­geburten aufheben und ins Nirwana gelangen müssen.

Unter Illusion können wir jedoch auch Folgendes verstehen: Es gibt ein Gött­liches, das sich in der Materie, in allem Existierenden und somit auch in uns Menschen entfaltet hat (beim Urknall im naturwissenschaftlichen Sinn, beim Schöpfungsakt im religiösen Sinn); die Welt, das Universum und alle Ereignisse in Raum und Zeit sind absolut wirklich – unsere Illusion liegt darin, dass wir uns als vom Göttlichen getrennt wähnen, wir haben sozusagen „vergessen“, dass wir ein Teil des Göttlichen sind.
Anders ausgedrückt: Alles ist Eins, es gibt nichts ausser dem Göttlichen. Die Schöpfung ist das Spiel des Göttlichen mit sich selbst. Unser Ziel ist dann, uns dieser Einheit wieder bewusst zu werden – trotz oder gerade durch unser Wirken in dieser Welt. Betrachten wir alles, die ganze Schöpfung, als einen Teil des Göttlichen und nicht getrennt von uns selbst, so ist die logische Konsequenz, dass wir uns an der Welt erfreuen und auch an unserem Weg durch die „Lebensschule“, die der Wiederentdeckung unserer wahren Identität dient, mit all dem Schönen, das uns geschenkt wird, und all den Prüfungen und Stolpersteinen.
Dabei ändern wir uns selbst in dieser Welt und dadurch ver­ändern wir auch die Welt: Ich als Individuum bin zwar nur ein winzig kleiner Teil davon, doch wenn ich bewusster werde, wird die Welt als Ganzes ein klein wenig bewusster – mit jeder Blüte, die sich an einem Strauch öffnet, verschönert sich der ganze Strauch…

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Fragen zu Urvertrauen und Gleichmut

Interview mit Karin Jundt über Karma YogaLetzte Woche erschien in einigen Schweizer Regionalzeitungen ein Interview mit mir über Karma Yoga. Das Interview hat Gabriele Spiller (GS) geführt, der ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich für das bereichernde Gespräch danke.

Das gesamte Interview könnt ihr als PDF-Datei herunterladen.
Die Antworten zu einigen der mir gestellten Fragen will ich nachfolgend noch etwas vertiefen.

GS: Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Diese Verunsicherung ist nichts Neues, früher lag sie nur in anderen Herausforderungen, beispielsweise in Missernten und der Willkür der Herrschenden.
Ich gehe oft so weit zu sagen, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf unser Schicksal haben, und stosse dabei nicht selten auf Widerspruch. Doch diese Erfahrung haben wir ja alle schon gemacht: Wir bemühen uns, ein Ziel zu erreichen, setzen alles daran, die Vorzeichen sind günstig – und dennoch scheitern wir. Auf der anderen Seite fallen uns manchmal die gebratenen Tauben nur so in den Schoss, ohne dass wir uns angestrengt haben.
Auch sind wir dem Schicksal völlig ausgeliefert, etwa was Tod und Krankheiten betrifft. Ebenso wenn andere Menschen involviert sind, da wir ihnen nicht unseren Willen aufzwingen können, beispielsweise wenn mein Partner mich verlässt oder mein Arbeitgeber mich entlässt.
Wir wünschen und planen zwar, aber was schliesslich daraus entsteht, entzieht sich unserer Macht. Deshalb ist Urvertrauen so wichtig. Wir haben im Grunde genommen gar keine andere Wahl. Entweder wir hadern mit dem Schicksal, verbittern, kämpfen gegen Windmühlen, versinken in Selbstmitleid – oder wir vertrauen darauf, dass immer alles nur zu unserem Besten geschieht, dass wir in dieser Lebensschule geführt und getragen sind. Dass alles einen Sinn hat, selbst wenn wir ihn nicht unmittelbar erkennen.

GS: Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Die meisten Menschen glauben an ein Göttliches in irgendeiner Form, mir sind in meinem Leben selten echte Atheisten begegnet. Viele haben jedoch Mühe mit dem Gott, der ihnen als Kind vermittelt wurde. Dazu hat Tolstoi etwas Treffendes gesagt: „Wenn in dir der Gedanke aufkommt, dass alles, was du über Gott dachtest, falsch ist und dass es keinen Gott gibt, so lass dich dadurch nicht verunsichern. Es geht allen so. Meine aber nicht, dein Unglaube rühre daher, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an deinen früheren Gott glaubst, so liegt es daran, dass an deinem Glauben etwas falsch war, und du musst versuchen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, so bedeutet das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Es ist zugegebenermassen manchmal nicht leicht, an einen weisen, allmächtigen, liebenden Gott zu glauben, wenn man sieht, was auf der Welt geschieht, wie viele Menschen leiden. Aber: Wenn wir an eine höhere Macht in welcher Form auch immer glauben, liegt es dann nicht nahe, dass dieses Höhere einen besseren Überblick über das Weltengeschehen hat als wir und weiss, was es tut? Und ist es nicht anmassend, wenn wir meinen, mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist verstehen zu können, was dieses Höhere mit der Welt, wie sie ist, bezweckt?
Doch mir liegt es fern, jemanden bekehren zu wollen. Jeder Mensch muss der Wahrheit vertrauen, die in ihm selbst anklingt. Dann wird der persönliche Glaube zu einem Wissen, und nur dann können wir auch danach leben. Alle anerzogenen oder aufgezwungenen Dogmen sind sinnlos, sie führen nur zu Scheinheiligkeit und Heuchelei.

GS: Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. Warum passiert gerade mir das, und warum gerade jetzt?
Die Frage nach dem Warum stellen wir uns tatsächlich immer wieder. Präziser muss sie lauten: „Was will mich dieses Ereignis lehren?“ Der Sinn des Lebens scheint in der Evolution zu liegen, allerdings nicht nur in der physichen, sondern vor allem in der geistigen. So ist das Leben selbst unsere Schule, in der wir lernen und uns zur Vollkommenheit hin entwickeln – spirituell ausgedrückt: zur Gottesverwirklichung oder Erleuchtung oder wie man es nennen will.
Daher werden wir – und hiermit ergänze ich auch die vorangehende Frage nach der sinnvollen Lenkung des Universums – an die Erfahrungen herangeführt, durch die wir etwas lernen können. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, jeder Mensch hat seine eigenen Lektionen zu lernen. Deshalb haben nicht alle Menschen auf der Welt das gleiche Schicksal.
Was auch immer auf uns zukommt, das Urvertrauen sagt uns: „Das Göttliche wird schon wissen, warum mir das jetzt geschieht. Und ich bemühe mich, die Lektion zu verstehen.“
Der Gleichmut ist dabei ebenfalls unerlässlich, denn er hilft uns, das sogenannt Angenehme und das sogenannt Unangenehme gleichermassen zu akzeptieren. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, heisst es: „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren in­neren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavadgita XIV, 24 f.) Es geht also darum, nicht zu werten: Die Dinge sind an sich weder gut noch schlecht, erst durch unsere Bewertung machen wir sie zu etwas Erwünschten oder etwas Verhasstem.
Gelingt es uns, mehr Gleichmut zu entwickeln, so leben wir gesamthaft zufriedener. Denn in 95 Prozent unseres Alltags reiben wir uns an Banalitäten, etwa dass das Wetter schlecht ist, wenn wir wandern gehen wollen, oder dass die Kinotickets für einen Film schon ausverkauft sind, oder dass das Essen im Restaurant nicht unseren Erwartungen entspricht und und und. Diese Alltagssituationen mit Gleichmut anzunehmen ist nicht allzu schwer, haben wir die Einsicht einmal gewonnen. Und es ist die richtige Übung für den Fall, dass uns einmal ein wirklich schwerer Schicksalsschlag trifft.

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Die Sinnlosigkeit des Lebens

In einem Internet-Forum, in dem über alles Mögliche geredet wird, habe ich eine Diskussion verfolgt, die ihren Ausgang bei der Aussage einer Frau nahm, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sieht.

Da kamen dann von den anderen Aussagen und Ratschläge wie:
• Der Sinn des Lebens ist der, den man selbst seinem Leben gibt.
• Die kleinen Freuden des Lebens geniessen und möglichst schmerzfrei durchkommen – mehr ist da nicht.
• Mach einfach das Beste daraus.
• Das ist doch eine Luxusfrage! Du würdest sie dir nicht stellen, wenn du dich fortwährend darum bemühen müsstest, etwas zu essen zu finden usw.
• Wenn man keinen Sinn im Leben sieht, muss man es schaffen, ohne Sinn zu leben.
• Das Leben hat keinen Sinn, was solls?

Ja ja ja, alles schön und gut. Ich habe mich jedoch in die Frau einfühlen können, ich selbst habe schon im Teenageralter nach dem Sinn des Lebens gesucht und mir immer wieder gesagt: Einfach 60, 70 oder von mir aus auch 100 Jahre leben, ein bisschen Spass haben, ein bisschen leiden, ein Ziel verfolgen und es erreichen und ein neues Ziel stecken… das kann es doch nicht sein? Es muss einen tieferen Sinn geben!

Ich war viele, viele Jahre auf der Suche. Irgendwann – ich war da schon Anfang 40 – habe ich den Sinn des Lebens, zumindest für mich, dann gefunden. Ein Zitat von Sri Aurobindo hat mir später bestätigt, was ich selbst erkannt hatte:

Die innere Einsamkeit kann nur durch die innere Erfahrung der Einheit mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung kann diese Leere füllen.

Der einzige Weg, der Langeweile und dem Überdruss des irdischen Daseins auf Dauer zu entkommen und nicht ständig nach einem neuen „Kick“ zu suchen, liegt darin, die eigene innere Entwicklung zum Ziel zu erklären – das macht das Leben jeden Tag von neuem wirklich spannend!

Jedes Mal, wenn ich diesen Sinn und dieses Ziel vorübergehend aus den Augen verloren hatte, bin ich auf die Dauer nicht glücklich geworden, selbst wenn ich dabei vorübergehend ein „irdisches Glück“ gefunden hatte. Nichts hält an, alles ist vergänglich…

Jedes Mal habe ich zu meinem Weg zurückgefunden und mir gewünscht, ich hätte ihn nie verlassen, ich wäre achtsamer gewesen, willensstärker.
Das beschreibt die „Autobiografie in fünf kurzen Kapiteln“ sehr schön mit wenigen Worten. Ich erkenne mich darin wieder.

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Der Sinn des Lebens

Eine der Fragen, die jeden Menschen früher oder später beschäftigen, ist diejenige nach dem Sinn des Lebens, dem allgemeinen und dem individuellen: Warum gibt es die Erde und das Universum? Was mache ich in dieser Welt? Was ist der Sinn meiner Existenz? Hat das Ganze überhaupt einen Sinn? Die Ausrichtung unseres Daseins, die Planung un­serer Zukunft, auch die Strategien, mit denen wir unser Glück verfolgen, hängen nicht unwesentlich damit zusammen, welche Antwort auf die Sinnfrage wir für uns selbst finden.
Glauben wir an einen Gott oder an eine höhere Macht in irgendeiner Form, so führt das meis­­tens auch zur Überzeugung, dass die Welt mitsamt dem menschlichen Sein einen Sinn hat, haben muss. Die Vorstellung, dass alles aus Zufall und Chaos entstanden sein könnte und „keiner da ist, der nach dem Rechten schaut“, ist vielen Menschen unerträglich.

Betrachten wir das Universum seit der Entstehung bis heute, stellen wir fest, dass sich die Einheit zur Vielheit entfaltet hat. Beim Urknall, so lehrt uns die Wissenschaft, be­gann ein „Etwas“, das alles extrem dicht komprimiert in sich vereinte, zu expandieren, und es entstanden Galaxien mit Sternen und Planeten. Auf der vorerst unbelebten Erde erschienen später die lebenden Or­ga­nismen, Einzeller. Sie schlossen sich zu Gruppen zu­sammen, spezialisierten sich, bildeten Pflanzen und Tiere, die sich von einfachen zu immer komplexeren Systemen wandelten.
Neben dieser Ausformung von der Einheit zur Vielheit er­ken­nen wir zudem, dass die Natur alles Erdenkliche zu verwirklichen versucht. Schauen wir nur den Artenreichtum an, die oft bizarren Wesen – und stellen wir uns im Gegenzug eine Welt vor, auf der es ausschliesslich Berge aus Granit, braune Erde, Klee, Tannen und Raben gäbe! Es geht in der Schöpfung offenbar nicht um Gleichförmigkeit, Eintönigkeit, sondern um die verschiedenartigsten Farben, Formen, Ma­te­rialien, Laute, Düfte…
Der Sinn des Lebens scheint auf der materiellen Ebene also in der Evolution und Differenzierung zu liegen, in einem nicht endenden Prozess.
Es lässt sich wohl nicht vorhersagen, wie sich unsere Spezies körperlich verändern wird. Doch erweitern wir unseren Blickwinkel von der physischen Evolution auf den Geist, so sehen wir auch hier, vom Einzeller bis zum Menschen, eine fortlaufende Verfeinerung und Individualisierung auf der Bewusstseinsebene. Das lässt sich schliesslich auch innerhalb der Gattung Homo über die letzten paar Millionen Jahre beobachten und noch deutlicher beim Homo sapiens, dem mo­dernen Menschen, in den vergangenen 160000 Jahren.
Darin sehen die mystischen Richtungen der Religionen den Lebenssinn und die Lebensaufgabe des Menschen: durch die Entwicklung eines höheren Bewusstseins das Göttliche zu er­kennen, zu verwirklichen und die Einheit mit ihm zu er­lan­gen.
Dieser Prozess ist nicht wie bei der Evolution der Arten ein kollektiver, sondern ein individueller. Im Gegensatz zu den Pflanzen und vermutlich den meisten (vielleicht gar allen) Tieren, de­ren Verhalten durch Instinkte gesteuert und deren Evolution zwangsläufig durch die Natur vollzogen wird, besitzen wir Menschen nämlich die Voraussetzungen, unsere Handlungsweise mehr oder min­der frei zu bestimmen, und damit die Chance, uns bewusst und freiwillig zu vervollkommnen, um so den Sinn des Lebens zu erfüllen.
Warum aber sollten wir das tun? Was vermag uns anzutreiben? Bekanntlich ist jede Veränderung mit Mühe verbunden, nicht selten mit Angst, Ungewissheit, Herausforderungen, Schmerz und Leid… Unter welchen Bedingungen sind wir denn bereit, solches auf uns zu nehmen? Wohl dann wenn wir glauben, dadurch ein verführerisches Ziel zu erreichen. Und welches Ziel wäre für uns verlockender als anhaltendes Glück? Das ist es nämlich, was wir suchen, alles übri­ge, Geld, Macht, Liebe, Gesundheit und was wir uns sonst noch wünschen, ist nur Mittel zum Zweck. Aber warum finden wir diese immer währende Zufriedenheit nicht? Wa­rum besteht das Leben aus einem Auf und Ab, aus Freu­de und Leid? Warum trübt immer wieder etwas unser Glück?
Vielleicht, weil wir den richtigen Weg noch nicht erkannt, nicht entdeckt haben. Könnte der Preis dafür nicht in der Entwicklung eines neuen Bewusstseins liegen? Oder an­ders ausgedrückt: Gibt es eine Bewusstseinsstufe, auf welcher wir ausschliesslich zufrieden sind? Der Karma Yoga weist einen Weg.
(Dieser Text stammt weitgehend aus meinem Buch „Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben“)

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