Der Planet, auf dem Gott wohnt

Ich wollte über einiges meiner gegenwärtigen Lebenssituation nachdenken und bin mit dieser Absicht für ein paar Tage ans Meer gefahren, allein.
Unterwegs im Auto hörte ich einen Science-Fiction-Roman von Andreas Eschbach, „Quest“, ein Audiobuch, das mein Liebster mir eine Woche davor gegeben hatte. Science-Fiction ist nicht gerade mein bevorzugtes Genre, aber da ich von diesem Autor schon einiges gelesen hatte und ihn tiefgründiger wusste als irgendeiner, der einfach über Aliens und interstellare Kriege schreibt, hatte ich einmal hinein gehört und die spannende Geschichte packte mich schnell. So fand ich es auch eine gute Ablenkung von meinen Gedanken, die ich mir für die langen Spaziergänge am Strand aufsparen wollte.
Etwa eine Stunde bevor ich mein Ziel am Meer erreichte, kam ich im Roman an eine Stelle, die mich aufhorchen liess. Bis dahin wusste man nicht, worum es Quest, dem todkranken Kommandanten des Raumschiffs, wirklich ging. Man wusste zwar, dass er den sagenumwobenen „Planeten des Ursprungs“ suchte, von dem alles Leben des Universums ausgegangen sein soll. Aber erst jetzt, fast am Schluss des Romans, erfährt man, dass er ihn suchte, weil auf ihm angeblich Gott wohnt, und diesem Gott zürnte er und er wollte ihm die Meinung sagen und von ihm endlich wissen, warum so viel Schreckliches passiert war in seinem Leben.
Nun hatten sie den Planeten des Ursprungs also endlich gefunden und das Raumschiff befand sich auf einer Umlaufbahn um ihn. Nur Quest ging auf den Planeten hinunter, während die anderen im Raumschiff blieben und auf ihn warteten. Lange, sehr lange, bis er endlich zurückkehrte.
Natürlich fragten sie ihn, was er erlebt habe. Er erzählte, er sei einfach herumgelaufen und habe irgendwann angefangen Gott zu rufen und ihm schliesslich, ohne ihn zu sehen oder zu spüren, seinen ganzen Groll herausgeschrien.
„Und dann?“, fragte ein Besatzungsmitglied, „Was geschah dann?“ Alle waren äusserst gespannt.
Aber Quest antwortete nur: „Nichts. Es geschah nichts.“
Er war frustriert, verzweifelt gewesen, dass er nach der Mühsal, um Gottes Planeten zu finden, nichts erreicht, keine Antwort auf seine Fragen gefunden hatte. Er sagte:

Ich habe einfach aufgegeben. Vielleicht gibt es überhaupt nichts, das man finden könnte, womöglich existiert nichts, das man erreichen könnte. Das ging mir wie ein Blitz durch den Kopf. Ich hatte plötzlich das Gefühl, das Spiel zu durchschauen. Ein infames Spiel. Wir sind so geschaffen, dass wir den Drang in uns fühlen, nach etwas zu streben, etwas zu wollen, uns nach etwas zu sehnen. Aber wir wissen nicht genau was eigentlich. Solange wir jung sind, suchen wir es in der Liebe zwischen Mann und Frau, später im Reichtum, im Einfluss, in Reisen oder Abenteuern. Und immer wenn wir etwas erreicht, etwas gefunden, etwas erlangt haben und feststellen, dass es nicht das war, wonach wir gesucht haben, sagen wir uns, dass wir einfach noch ein Stück weiter gehen müssen, dass es nicht mehr weit sein kann, dass es gleich um die nächste Ecke sein muss, endgültig und ein für alle Mal.
Aber was, wenn dieser Drang einfach ins Leere läuft, wenn er uns nach etwas suchen lässt, das überhaupt nicht existiert, wenn er nur dazu da ist, uns ein Leben lang in Bewegung zu halten, damit das Schauspiel immer weiter geht, das Drama der Hoffnungen und Leidenschaften, über das ein böser Gott sich amüsiert?
Ich beschloss, mich zu verweigern, ich beschloss mich hinzusetzen und nichts mehr zu tun, einfach nichts mehr zu wollen oder zu wünschen, auch nur zu denken, weil mein Denken bloss eine andere Art des Wollens, Planens und Strebens gewesen wäre.
Also habe ich mich hingesetzt und beschlossen, absolut nichts mehr zu tun, egal was passieren würde. Ich sagte mir, dass ich im schlimmsten Fall sterben würde, aber das würde ich sowieso. Und so habe ich es gemacht, ich habe mich hingesetzt und mich geweigert, irgendetwas zu tun.
[…]
Ich sass einfach nur da. Ich fiel in dämmrigen Schlaf, schreckte immer wieder hoch, doch als die Müdigkeit übermächtig wurde, wehrte ich mich nicht mehr und sank zur Seite. Ich weiss noch, dass ich dachte, ich würde nun sterben, und dass es mir gleichgültig geworden war. Aber ich bin wieder aufgewacht. Ich lag da, starrte vor mich hin, in das Gespinst der Flechten und es war mir egal, dass ich noch lebte. Ich wartete nicht einmal mehr auf irgendetwas. Ich hatte sogar aufgehört, mich zu verweigern.

Wundervoll, dieses vollständige Loslassen! Es erinnerte mich an die Geschichte des Buddha, der alles versucht hatte, um die Erleuchtung zu erlangen, und es nicht geschafft hatte – bis er sich unter einen Baum setzte und aufgab.
Das Hörbuch ging noch weiter, Quest sagte: „Und dann… ist es geschehen.“ „Was? Was ist geschehen?“, fragten die anderen, „Ist dir Gott erschienen?“
Und so ging die Geschichte weiter:

„Gott…“. Quest sprach das Wort aus, als würde er es schmecken. „Nein. Ich glaube nicht. Oder vielleicht doch. Wir irren uns alle völlig, das weiss ich jetzt. Die Wahrheit ist unfassbar anders, als wir denken.
Ich habe eine andere Welt gesehen. Oder ich habe diese Welt gesehen, nur mit anderen Augen. Wenn ich euch nur sagen könnte, was ich gesehen habe! Es ist alles so viel gewaltiger, als wir es uns auch nur erträumen können. Die Wahrheit ist so wunderbar, dass es einen umbringen kann, sie zu erfahren.“
Urplötzlich lachte er auf, lachte laut und lauter, brüllte beinahe, während sie ihn entsetzt beobachteten. Dann beruhigte er sich wieder, fand zu einem gelösten, heiteren Lächeln zurück, wie man es auf seinem Gesicht noch niemals gesehen hatte.
„Ihr werdet das nicht verstehen, aber ich muss es euch doch sagen. Das Leben ist absurd, unsere ganzen Ambitionen, unsere ganzen Enttäuschungen sind lächerlich, unsere Schmerzen sind lächerlich, sogar ich selbst“, fügte er hinzu und zuckte förmlich vor Heiterheit, „bin absolut lächerlich.“
„Ich glaube, ich will auch da hinunter fliegen“, entfuhr es einem der Männer.
„Das könnt ihr tun“, sagte Quest mit einem seltsam unersten Ernst. „Aber glaubt mir, man kann Gott nicht besuchen, eine Tasse Tee mit ihm trinken, sich nett mit ihm unterhalten und dann wieder seiner Wege gehen. Denkt daran: Dort hinab zu gehen, bedeutet, sein Leben einzubüssen, ohne zu wissen, was danach kommt.“

Ich war tief berührt. Alles Weisheiten, die ich längst kannte. Aber offenbar war es nötig, dass mich jemand wieder einmal daran erinnerte.
Hör auf zu wollen! Hör auf zu planen! Gib dem Göttlichen die Chance, dich zu führen, zu dem, was gut für dich ist, ohne dass du die Richtung vorgeben willst! Lass los! Vergiss nicht, dass du mit Gott eine Tasse Tee getrunken hast – du kannst nie wieder einen anderen Weg gehen.

Als ich später am Strand barfuss dem Wassersaum entlang ging, erklangen diese Erkenntnisse in mir, nicht im Kopf, sie schwangen in meiner Seele. Seit langem hatte ich nicht mehr diesen Frieden in mir gefühlt, diesen Gleichmut, dieses Loslassen.
Und in dieser Hingabe, in der absoluten Stille meiner Gedanken, waren plötzlich all die Antworten in mir, nach denen ich wochen- und monatelang gesucht hatte.

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Der „heilige Mann“ und der Sünder

Wieder einmal eine Geschichte aus dem alten Indien. Viel Freude beim Lesen!

Gott schickte den heiligen Narada zur Erde, um fromme Menschen aufzusuchen. Als erstes begegnete er einem alten Asketen; dieser erzählte ihm, nicht ohne Bitterkeit, er hätte 80 Jahre lang die strengsten Praktiken und härteste Selbstdisziplin ausgeübt, aber ohne besonderen Erfolg. Als Narada ihm eröffnete, er sei ein Bote Gottes, sagte ihm der Asket: „Wenn du also Gott das nächste Mal siehst, frag ihn, warum er mich trotz meines frommen Lebens bis jetzt nicht erhört hat.“ Narada versprach es ihm und ging weiter.
Er rastete an einem Ort, wo ein junger Mann versuchte einen Zaun zu bauen; er war aber stockbetrunken und fluchte, weil es ihm nicht gelang, die Pfähle in die Erdlöcher zu rammen. Narada bot ihm seine Hilfe an, aber der Betrunkene erwiderte, er werde nur die persönliche Hilfe Gottes annehmen, seines Freundes, der Verstecken mit ihm spiele und sich davor drücke, ihm bei der Arbeit zu helfen! Narada war empört über diese Gotteslästerung und gab sich zu erkennen. Da forderte der junge Mann ihn auf, Gott zu fragen, warum er ihn bisher nicht besucht habe, obwohl er doch schon so lange auf ihn warte.
Nachdem Narada zu Gott zurückgekehrt war, erzählte er ihm, was er mit dem Asketen und dem Betrunkenen erlebt hatte. Gott, der die beiden natürlich kannte, äusserte sich liebevoll über den jungen Mann und bekräftigte seine Weigerung, sich dem Asketen zu zeigen. Narada wunderte sich sehr darüber.
Um ihm zu beweisen, wer von den beiden der wahre Suchende sei, schickte Gott Narada nochmals auf die Erde und trug ihm auf, beiden folgende Botschaft zu überbringen: „Gott ist momentan damit beschäftigt, Millionen von Elefanten durch Nadelöhren zu zwängen. Aber wenn er damit fertig ist, wird er dich besuchen.“
Narada überbrachte die Nachricht zuerst dem Asketen. Dieser erzürnte sehr und schrie: „So ein Blödsinn, Elefanten durch Nadelöhren zwängen! Ihr macht euch nur über mich lustig und er wird nie zu mir kommen – oder vielleicht gibt es gar keinen Gott und ich habe mein Leben mit Busse und Enthaltsamkeit verschwendet!“ Er warf alles hin und machte sich auf, die versäumten Genüsse des Lebens nachzuholen.
Narada war schockiert und beeilte sich, den jungen Mann aufzusuchen und ihn mit der gleichen Botschaft zu konfrontieren. Als dieser Gottes seltsame Aussage hörte, machte er Luftsprünge vor Freude und rief: „Gott hat mich erhört, er wird zu mir kommen! Was hat es schon zu bedeuten, dass er Millionen von Elefanten durch Nadelöhren zwängt: Mit Seiner Allmacht kann er das in einer Sekunde tun! Und dauerte es auch eine Ewigkeit, sein Versprechen genügt mir: Er wird zu mir kommen, irgendwann!“

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Der Fluss in der Wüste

Die Religionen haben ihre Dogmen erstellt und sie streiten untereinander, jede meint, nur sie besitze die absolute Wahrheit. Doch in ihrem Kern, in ihrer mystischen Ausprägung, findet sich immer die gleiche Wahrheit: Die direkte Gotteserfahrung führt immer nur zum Einen – wie könnte es auch anders sein, da doch das Göttliche nur eines ist!
Eine der wichtigen Aussagen jeder Mystik lautet: Wir müssen loslassen, was uns an das Irdische bindet, und uns vollständig der Göttlichen Führung anvertrauen.
Ja, Urvertrauen und Hingabe… und etwas Mut.
Hier eine hübsche Geschichte aus dem Sufismus (mystische Richtung des Islam) zu diesem Thema.

Ein Fluss entsprang einer Quelle im Gebirge und strömte hinab ins Tal, durch Wälder und Wiesen, bis er schliesslich die Wüste erreichte. Er hatte alle bisherigen Hindernisse überwunden und sich seinen Weg sogar durch harten Fels erkämpft; doch so sehr er sich auch bemühte, die Wüste zu durchqueren – sein Wasser versickerte im Sand. Er spürte aber, dass seine Bestimmung jenseits der Wüste lag, nur wusste er nicht, wie er sein Ziel erreichen könnte.
Da hörte er eine Stimme aus der Ferne: „Der Wind überquert die Wüste – ergib dich ihm, er wird dich hinüber tragen.“
Der mächtige Strom, der immer alles allein geschafft hatte, war nicht angetan von der Idee, sich dem Wind anzuvertrauen – und ein bisschen Angst hatte er auch, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie das gehen sollte.
Der Sand schien seine Gedanken zu erraten und erklärte ihm: „Der Wind nimmt dein Wasser in die Luft auf, weht es über die Wüste und lässt es als Regen fallen, sodass es wieder zu einem Fluss werden kann.“
Der Strom zögerte, er wollte doch seine Eigenart nicht aufgeben! Und wäre er danach immer noch der Gleiche?
„Du kannst in keinem Fall bleiben, was du bist. Gibst du dich nicht dem Wind hin, stirbst du im Sand“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Doch sieh: Das Wesentliche an dir wird bestehen bleiben, das, was du in Wahrheit bist…“
So liess der Fluss seinen Dunst aufsteigen, der Wind trug ihn immer höher und wehte ihn über die Wüste hinweg bis zu einem Gebirge. Hier liess er ihn sanft herabfallen, reines Wasser, und der Strom erkannte, dass er jetzt wirklich er selbst war.

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