Die Suche nach der eigenen Lebensaufgabe

Wie finden wir die sinnvolle weltliche Aufgabe, die unserer Seele entspricht? Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, auch von Menschen, die sich bewusst sind, dass der Sinn unseres irdischen Daseins darin liegt, uns innerlich zu entwickeln und die Gottesverwirklichung/Erleuchtung zu erlangen. In der Tat machen sich gerade Menschen, die an ein spirituelles Ziel des Lebens glauben, besonders viele Gedanken da­rüber, wie sie im gewöhnlichen Alltag sinnvoll leben können. Schliesslich findet das Leben hier auf der Erde statt und hier sollten wir mit beiden Füssen fest stehen.
Ich selbst war viele Jahre lang mit meiner weltlichen be­ruflichen Tätigkeit unzufrieden, hielt sie für unnütz und wünschte mir, etwas Sinnvolles tun zu dürfen. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, dass mein einziges Ziel – meine innere Entwicklung – nicht davon abhängt, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Im Gegenteil, später sah ich ein, dass sich mir gerade in meiner unbefriedigenden be­ruflichen Umgebung ausgezeichnete Möglichkeiten geboten hatten, zu lernen und zu wachsen. Ich habe sie oft nicht genutzt.

Innerlich wachsen können wir also bei jeder Aufgabe. Und das Göttliche führt uns ohnehin an die Herausforderungen heran, die für uns nützlich sind. Einige allgemeine Hinweise zum Erkennen der geeigneten weltlichen Aufgabe will ich dennoch geben.
• Wir sollten uns von allen uns auferlegten gesellschaftlichen Vorstellungen lösen, wie: Es ist wichtig, eine gute Ausbildung und einen sicheren Job zu haben; man sollte etwas Sinnvolles tun, was der Allgemeinheit nützt; man muss eine Familie mit Kindern gründen; kulturelle Interessen, aktive Freizeitgestaltung, soziale Kontakte sind unerlässlich.
• Die Dinge und Tätigkeiten, zu denen wir uns als kleine Kinder (bis etwa zum Kindergartenalter) besonders hingezogen fühlten, gehören wahrscheinlich zu unserem wahren Wesen. Damals lebten wir nämlich noch mehr aus unserer Seele als aus dem Ego und waren von der Umgebung noch nicht allzu stark beeinflusst.
• Hingegen müssen wir sorgfältig prüfen, ob das, was uns vermeintlich interessiert oder was wir gerne machen oder nicht mögen, tatsächlich zu unserem wahren We­sen gehört und nicht etwa aus der Nachahmung von Vorbildern und der Be­einflussung durch Bezugspersonen stammt. Manches über­nehmen wir nämlich von aussen und speichern es in un­serem Unbewussten, von wo es dann Be­rufswahl, Wohnort und -form, Partnerschaft, Familie und mehr prägt. Eine Zeit lang meinen wir dann vielleicht, damit recht glücklich zu werden, besonders wenn wir dabei auch einigermassen erfolgreich sind. Doch oft tritt eines Tages, bevorzugt während Lebenskrisen (Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes und andere), eine unbestimmte Unzufriedenheit auf oder die Frage nach dem, „was ich wirklich will“, ein leiser Wunsch nach Veränderung oder gar ein deutlicher nach einer bestimmten Tätigkeit oder Lebensform.
• Spirituell gesehen gibt es weder sinnvolle noch sinnlose Aufgaben. Deshalb dürfen wir uns ruhig den Dingen und Tätigkeiten zuwenden, von denen wir uns angezogen fühlen, die unser Herz erwärmen, die uns echte Freude schenken – mehr als die Befriedigung, die aus der Anerkennung unserer Mitmenschen entsteht, als das Selbstwert­gefühl, das daraus erwächst, dass wir etwas leis­ten, Gutes tun, erfolgreich sind.
• Auch gibt es weder gute noch schlechte Aufgaben, sondern nur jene, die uns weiterführen, und andere, die un­sere innere Entwicklung hemmen. Auf dieser Weltbühne scheint das Göttliche zu­dem die Vielfalt anzustreben und alles Denkbare zu manifestieren. Somit hat alles seine Berechtigung und seinen Platz. Es kann nicht nur Könige und Helden geben – auch wenn wir das gerne wären! –, es braucht ebenso Bettler und Feiglinge, um das kosmische Schauspiel zu inszenieren.
• Manchmal werden uns Aufgaben auf unseren Weg ge­stellt, sie fallen uns gewissermassen zu oder wir werden in sie getrieben. Es ist nicht immer das, was unser Ego möch­te, denn für unsere innere Entwicklung lernen wir wohl mehr, wenn wir nicht das tun, was wir ohnehin schon gut können und uns Spass macht. Um Gleichmut zu üben, kann eine langweilige, un­befriedigende Beschäftigung besser ge­eignet sein; um das Urvertrauen zu stärken, eine schwieri­ge Aufgabe, die uns beinahe überfordert.

Abschliessend will ich noch festhalten:
• Unsere innere Entwicklung ist ständig im Fluss. Wenn das Leben die Schule für unser Bewusstsein ist und unserer inneren Entwicklung dient, scheint es durchaus plausibel, dass wir unserer Wandlung entsprechend immer wieder andere Aufgaben übernehmen möchten/müssen.
• Da wir stets in der Gegenwart leben sollten, im Augenblick, besteht die jeweilige Aufgabe im Kleinen jedenfalls immer darin, das zu tun, was gerade ansteht.
• Vielleicht wird die Frage oder die Suche nach der eigenen Aufgabe im irdischen Leben überbewertet; möglicherweise ist dies eine rein menschliche Vorstellung, wahrscheinlich ist der göttliche Plan viel offener, flexibler…

Dieser Text stammt teilweise aus meinem Buch „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“.

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Hiob – Gottes Prüfungen?

Neulich habe ich einem Gespräch über Hiob* zugehört. Es ging dabei um die Prüfungen, die Gott uns angeblich auferlegt und wie wichtig es sei, ihm dafür nicht zu zürnen und alles zu akzeptieren; dafür werde man am Ende belohnt.
Für alle, welche die alte Geschichte nicht kennen: Der wohlhabende und rechtschaffene Hiob wird von Gott auf Wunsch Satans geprüft, weil dieser behauptet, die Menschen seien nur fromm, solange es ihnen gut gehe. Gott nimmt Hiob seinen ganzen Besitz, auch seine zehn Kinder und seine Gesundheit, ohne dass Hiob Gott böse ist. Und am Ende wird er von Gott belohnt, bekommt alles doppelt wieder, auch zehn neue Kinder.

Einverstanden bin ich in dem Punkt, man solle dem Göttlichen – oder dem Schicksal, dem Leben, den Höheren Mächten oder wie man diese Instanz nennen will – nicht zürnen. Hauptsächlich schaden wir damit uns selbst, wenn wir uns grämen und verbittert sind. Und wir verpassen dabei die Chancen, die jede Krise uns bietet, die Chancen zu lernen, innerlich zu wachsen und stärker und weiser daraus hervorzugehen.

Nicht einverstanden bin ich jedoch mit der generellen Vorstellung, das Göttliche wolle uns prüfen, und schon gar nicht aus dem Grund, um bösen Mächten irgend etwas zu beweisen.
Auch das Konzept von Strafe und Belohnung durch Gott, das in der Bibel so oft vorkommt, halte ich für eine menschliche Idee von Gerechtigkeit – wollen wir uns wirklich anmassen, den göttlichen Plan auf eine menschliche Ebene zu reduzieren, bloss weil unser beschränkter Verstand sich nichts anderes vorstellen kann?

Nach dem Karma-Gesetz wäre alles, was uns zufällt, die Wirkung vergangener Ursachen, also das Ergebnis früherer Taten: Gutes bringt Gutes, Böses bringt Böses. Doch auch diese starre Gesetzmässigkeit scheint mir wiederum nur ein Erklärungsmodell für scheinbar Unerklärliches: Wo bliebe denn die Gnade und Barmherzigkeit des Göttlichen?
Vielmehr glaube ich, und folge hierin Sri Aurobindos Weisheit, dass der Sinn unseres Lebens die innere Entwicklung zum Göttlichen hin ist. Deshalb wird uns alles gegeben, was diese Entwicklung fördert – manchmal sogenannt Angenehmes, manchmal sogenannt Unangenehmes –, und es wird uns alles genommen, was diese Entwicklung hemmt – manchmal sogenannt Unangenehmes, manchmal sogenannt Angenehmes.
Prüfungen, wollen wir sie denn so bezeichnen, kommen dann auf uns zu, wenn wir aus einer Erfahrung etwas gelernt haben, in der Theorie, und es dann in der Praxis umsetzen sollen – gewissermassen um zu beweisen, dass wir es nicht nur verstanden haben, sondern die neue Erkenntnis auch leben.
Ein Beispiel: Um befördert zu werden, schaltete X einen um die gleiche Stelle konkurrierenden Kollegen aus, indem er ihm mehrmals für die Erledigung seiner Arbeit wichtige Informationen bewusst vorenthielt, sodass der Kollege schwerwiegende Fehler beging. X wurde befördert. Einige Monate später erfolgten interne Umstrukturierungen und die Abteilung von X wurde aufgehoben, er selbst entlassen. Der vermeintliche Erfolg stellte sich als Boomerang heraus; X gewann daraus die Erkenntnis, dass er sich im Wettkampf um die Beförderung unfair verhalten hatte, und versprach sich selbst, nie wieder so zu handeln.
Bei seinem neuen Arbeitgeber geht es nun wieder um eine Beförderung und wieder ist ein Kollege sein Konkurrent. X wäre auf die besser bezahlte Position dringend angewiesen, denn durch die vorangehende Arbeitslosigkeit steckt er in einer finanziell schwierigen Lage. Die Versuchung, mit unfairen Mitteln um die Beförderung zu kämpfen, ist also gross – diese Situation kann man als Prüfung verstehen, ob X seine frühere Erkenntnis nun in die Tat umsetzt. Tut er es und bleibt tatsächlich fair, so hat er die Lektion gelernt. Versucht er hingegen nochmals durch Betrug voranzukommen, so werden die Konsequenzen – kurz- oder langfristig – ihm eine neue Lektion erteilen… so lange, bis er daraus lernt. Wenn nicht in diesem, dann in einem nächsten Leben.

Unser ganzes Leben ist eine Schule, allerdings ohne Bewertung und Noten. Doch den Stoff sollten wir schon lernen, um voranzukommen, sonst bleiben wir sitzen und müssen eine Klasse wiederholen. Betrachten wir jedoch nichts als Strafe. Es sind immer nur Hinweise des Göttlichen, dass wir uns gerade auf einem Irrweg befinden, bemühen wir uns also, auf den rechten Weg zurückzukehren.

* Altes Testament, Buch Hiob.

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Regeln eines Zen-Meisters

Immer wieder stelle ich fest, wie viele Ähnlichkeiten im Kern der verschiedenen mystischen Richtungen von Religionen und Philosophien bestehen. Deshalb gebe ich heute einige Empfehlungen eines Zen-Meisters* an seine Schüler wieder, die ebenso gut aus dem Karma Yoga stammen könnten.

• In der Welt zu leben, ohne Anhaftung an den Staub der Welt, ist der Weg eines wahren Zen-Schülers.
• Wenn du jemanden bei einer guten Tat siehst, ermutige dich selbst, seinem Beispiel zu folgen. Hörst du von einem Fehler eines anderen, so ermahne dich, ihn nicht nachzuahmen.
• Die Armut ist dein Schatz. Tausche ihn nie gegen ein bequemes Leben ein.
• Die Tugenden sind die Früchte der Selbstdisziplin und fallen nicht von selbst vom Himmel wie Regen oder Schnee.
• Ein edles Herz zwingt sich anderen nie auf. Seine Worte sind seltene Edelsteine, kaum je zur Schau gestellt und von grossem Wert.
• Dem aufrichtigen Schüler ist jeder Tag ein glücklicher Tag. Die Zeit vergeht, aber er bleibt nie zurück. Weder Ruhm noch Schande berühren ihn.
• Lebe sinnvoll und überlasse die Ergebnisse dem grossen Gesetz des Universums. Verbringe jeden Tag in friedlicher Kontemplation.

* Zangetsu war ein chinesicher Zen-Meister aus der Zeit der Tang-Dynastie (zumindest steht diese Aussage auf einigen wenigen Websites – sehr bekannt war er wohl nicht, da man im Internet kaum etwas über ihn findet; dennoch finde ich seine Regeln interessant und lehrreich)

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Tun um des Tuns willen

„Das ist der Schädel eines der städtischen Einhörner, nicht wahr?“, frage ich sie.
Sie nickt. „Die alten Träume wurden in den Schädel eingelassen und dort versiegelt“, sagt sie leise.
„Und ich soll sie jetzt da herauslesen?“
„Das ist die Arbeit des Traumlesers“, sagt sie.
„Und was soll ich dann mit den Träumen machen?“
„Nichts. Sie brauchen sie nur herauszulesen.“
„Also, das begreife ich nicht“, sage ich. „Dass ich alte Träume lesen soll, habe ich so weit verstanden. Aber dass ich dann nichts weiter damit machen soll, will mir nicht in den Kopf. Das bedeutet doch, dass die Arbeit gar keinen Sinn hat. Arbeit muss doch irgendeinen Zweck haben! […]
Sie schüttelt den Kopf. „Worin der Sinn liegt, kann ich Ihnen auch nicht erklären. Vielleicht kommen Sie bei der Arbeit von alleine drauf. Aber das spielt auch keine Rolle, solcher Sinn hat mit Ihrer eigentlichen Arbeit nicht das Geringste zu tun.“

Aus „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ von Haruki Murakami

Treffend zeigt dieser Dialog zwischen der Angestellten der Traumbibliothek und dem Traumleser auf, wie wir für unsere Arbeit, für alles, was wir tun, einen Sinn anstreben. Normalerweise tun wir nichts ohne Zweck: Wir handeln stets „weil“, „um zu“, „damit“. Ein Motiv liegt den simpelsten Tätigkeiten wie Zähne putzen, Briefe schreiben oder Schuhe anziehen zu­grun­de, ebenso wie edlen Werken: weil wir an ein Ideal glauben; um zu helfen; damit etwas Schönes entsteht. Immer geht es um menschliche Motive im Hinblick auf kurzfristige Ziele, vielfach vom Ego, von seinen Wünschen und Ängsten be­stimmt.

Aber muss Arbeit wirklich einen Sinn haben? Nein, lehrt uns der Karma Yoga.
Die Bhagavadgita, die Grundlage des Karma Yoga, verlangt von uns ein Handeln, mit dem wir weder für andere Menschen noch für uns selbst etwas anstreben, es soll also frei von jeglicher Erwartung auf Ergebnisse sein. Wir tun einzig um des Tuns willen. Weil dies unsere Aufgabe in dieser Welt ist und wir, solange wir im Diesseits einen Körper haben, gar nicht anders können, als zu handeln: Wir müssen uns ernähren, pflegen, für unsere Lieben sorgen und vieles mehr.

Im Allgemeinen handeln wir allerdings nach dem Prinzip von Lust und Unlust. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne tun, und ebenso viele, die wir ungern erledigen. Dadurch wechseln wir fortwährend zwischen Freude und Widerwillen.
Um dem zu entgehen, müssen wir lernen, alles gerne – oder zumindest gleich­mütig, ohne Abneigung – zu tun. Das ist gar nicht so schwer, es braucht nur ein bisschen guten Willen und etwas Ausdauer, um dabei zu bleiben, bis sich dieses Verhalten als Ge­wohnheit in uns eingeprägt hat.
Wir machen daraus eine Regel, an die wir uns künftig einfach halten, ohne sie zu hinterfragen: Ich mache stets das, was gerade ansteht. Ob im Haushalt, im Beruf oder in meiner Freizeit: Wenn ich sehe, dass etwas getan werden sollte (und ich sehe es, alles andere sind faule Ausreden!), dann tue ich es, sofort, ohne Aufschub.
Dabei achten wir besonders darauf, augenblicklich damit zu beginnen, ohne zwei Mal darüber nachzudenken, sonst kommt schnell Unlust auf, der wir gerne nachgeben. Nehmen wir diese trotzdem wahr, setzen wir uns über sie hinweg. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem wir unsere ganze Willenskraft aufbringen und der Trägheit „Nein!“ sagen müssen. Nachher vertiefen wir uns derart in die jeweilige Tätigkeit, dass für nichts anderes mehr Platz in uns ist, sodass in der Regel auch kein Widerwille mehr aufkommt – mit dem wohltuenden Nebeneffekt, dass wir auf diese Art vollständig in der Gegenwart leben, die Aufgabe schneller und besser bewältigen und oft sogar Freude empfinden.

Bei Pflichten, die wir nicht mögen, neigen wir jedoch dazu, nur das Nötigste zu tun, vielleicht sogar etwas fahrlässig und liederlich. Das widerspricht aber dem Prinzip unserer Vervollkommnung. Deshalb geben wir bei allem, was wir tun, immer unser Bestes, entsprechend unseren Fähigkeiten und der uns zur Verfügung stehenden Zeit.
Wir verfallen dabei jedoch nicht in einen Perfektionismus, dessen Ursache – aus mangelndem Selbstwertgefühl – in der Angst zu versagen, der gefürchteten Kritik der Mitmenschen und Ähnlichem liegt. Im Gegenteil: Haben wir nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, im Rahmen unserer Möglichkeiten, so akzeptieren wir das Ergebnis mit Gleichmut, auch wenn es nicht gut ausfällt. Wir machen uns keine Vorwürfe und tragen keine Schuldgefühle mit uns he­rum. Wir können ja nicht mehr tun, als wir vermögen!

Vielleicht wäre dies der gute Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich tue immer sofort, was getan werden muss, und ich tue es immer so gut wie möglich.

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Sünden

Eine Nonne erklärte mir als Kind – im katholischen Italien der frühen 1960-er Jahre: „Jede Sünde, die du begehst, sei sie noch so klein, ist wie ein schwarzer Fleck auf deiner Seele. Bei einer Todsünde wird die ganze Seele mit einem Mal schwarz.“
Ich weiss nicht mehr warum, aber die Seele stellte ich mir in etwa so gross wie das Herz vor, und auch genau in Herzform. Deshalb fragte ich: „Und was passiert, wenn die Seele ganz schwarz wird, weil so viele Flecken darauf sind, dass es gar nichts mehr Weisses gibt? Kann der liebe Gott dann noch unterscheiden, ob es eine Todsünde war oder viele kleinen Sünden?“ Das spielte nämlich eine Rolle: Starb man mit einer Todsünde, kam man direkt in die Hölle, während die kleineren Sünden, und seien es noch so viele, nur ins Fegefeuer führten.
Die Nonne blieb mir die Antwort schuldig.

Sünden – sie spielten in meiner Kindheit eine grosse Rolle. Jeden Samstag mussten wir zur Beichte… und was hatten wir Kinder schon zu beichten?! Ich habe gelogen, ich war ungehorsam… Woche für Woche zermarterte ich mir das Hirn, was ich denn beichten sollte; ich dachte, der Pfarrer müsse doch hie und da einmal etwas Neues zu hören bekommen, nicht immer die gleichen Sünden.

Heute habe ich ein anderes Konzept der Sünde. Ich betrachte „die Sünde“ als eine Metapher für einen Fehltritt, durch den ich mich von meinem höheren Selbst entferne.
Es stellt sich dann natürlich die Frage, was ein „Fehltritt“ ist. Grundsätzlich wohl jedes Verhalten, in das wir vom Ego getrieben werden. Aber entgegen der katholischen und moralischen Doktrin, die sich an die Regel hält „Unwissenheit schützt nicht vor Strafe“, bin ich davon überzeugt, dass wir nur dann „sündigen“, wenn wir bewusst und willentlich einen Fehltritt begehen.
Selbst dann „sündigen“ wir ja noch oft genug!

Betrachten wir es ganz nüchtern, so scheint es unbegreiflich, dass wir bewusst etwas Unrechtes tun. The Mother, die spirituelle Weggefährtin des indischen Philosophen und Mystikers Sri Aurobindo, sagte einmal: „[…] einen Fehler zu machen, von dem man weiss, dass es ein Fehler ist, das scheint mir abstrus! […] ich habe es bisher nicht geschafft, das zu verstehen. Es scheint mir – es scheint mir unmöglich. Falsche Gedanken, falsche Impulse, innere und äussere Unredlichkeit, hässliche, nie­derträchtige Dinge: So lange man sie aus Unwissenheit tut – Unwissenheit ist da in der Welt –, versteht man das […] Aber sobald die Erkenntnis vorhanden ist […] wie kann man es je wieder tun? Das verstehe ich nicht!“
Ich selbst verstehe es hingegen nur allzu gut! Immer wieder tun wir Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie nicht richtig sind. Unser Ego ist eben oft sehr stark, unsere Willenskraft schwach. Das Göttliche weiss das aber und verzeiht es uns. Keine Sünde führt uns in die „Hölle“, ausser in diejenige, die wir uns durch unsere Selbstvorwürfe und Schuldgefühle selber schaffen.

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Bis zum letzten Rest

Meine Mutter ist im Krieg aufgewachsen, in der Schweiz zwar, die am Kriegsgeschehen nicht beteiligt war, doch die Lebensmittel waren auch bei uns rationiert. Sie hat mir immer wieder erzählt, dass sie mit einem Ei pro Monat, mit x Gramm Butter und so weiter auskommen mussten.

Das hat sie geprägt, wie viele Menschen, die jene Zeit miterlebt haben. Sie ging mit Esswaren immer sorgfältig um, warf nie etwas weg. Manchmal hat sie mich sogar ein bisschen genervt, wenn sie die Pfanne mit dem Kartoffelstock ausschabte, bis kein Krümelchen mehr darin war, die Pfanne der Tomatensosse noch mit einem Stückchen Brot ausputzte, bevor sie sich endlich auch an den Tisch setzte und wir essen konnten.

Bei vielen Menschen kann man hingegen beobachten, dass sie ihren Teller nicht „sauber“ aufessen, einige Streifchen Karottensalat, die letzten Reiskörner, einen Klecks Vanillecreme liegen lassen.
Seit vielen Jahren mache ich das nicht mehr, ich picke auch das letzte Reiskorn auf, ist es noch so mühsam. Nicht weil ich keine Lebensmittel verschwenden will, damit es weniger Hunger auf der Welt gibt; daran ändert sich dadurch nichts.
Sondern aus dem Gedanken des Karma Yoga, immer alles so gut wie möglich zu tun. Was gibt es denn objektiv für einen Grund, etwas – und sei es noch so wenig – auf dem Teller zu lassen? Ist es nicht etwa reine Faulheit? Oder Achtlosigkeit? Nachlässigkeit? Mangelnde Wertschätzung für das Geringe?
Was es auch immer ist: Es widerspricht dem Grundprinzip des Karma Yoga. Und wohl jeder spirituellen Richtung.

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Winterwanderungen

Wandern im Winter ist stiller als im Sommer: Man trifft weniger Menschen, die Natur ruht und schweigt, es gibt nicht so viel zu sehen. Man beschäftigt sich vermehrt mit den eigenen Gedanken.

Vor ein paar Wochen war ich einige Tage lang unterwegs in den Bergen und habe ein bisschen auf mein Leben zurückgeblickt – nicht etwa, weil ich kürzlich 60 geworden bin und nun mindestens zwei Drittel meines Lebens hinter mir habe, sondern vielmehr weil ich mich seit einiger Zeit frage, in welche Richtung ich künftig gehen soll.
Dabei habe ich Möglichkeiten und Gelegenheiten gedanklich hin- und hergewälzt, über Sinn und Unsinn einiger meiner Vorhaben sinniert, mir wichtige Aussagen aus dem kürzlich gelesenen Buch von Konstantin Wecker, „Die Kunst des Scheiterns“, durch den Kopf gehen lassen… Ohne zu irgendwelchen vernünftigen und konstruktiven Schlüssen zu kommen.

Erst als ich in der immer noch tiefverschneiten Landschaft an einzelnen Büschen schon erste grüne Blättchen entdeckte und plötzlich eine Biene und einen Schmetterling nach Nektar suchend umherfliegen sah, wurde mir schlagartig bewusst: „Hör auf, dir Gedanken zu machen. Lebe den Augenblick, lass dich führen von der Vorsehung, von der Göttlichen Mutter, dein Weg breitet sich Schritt um Schritt vor dir aus. Du brauchst nur die Augen offen zu halten und zuversichtlich deinen Weg zu gehen. Tue jeden Tag, was zu tun ist, was auf dich zukommt, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.“

Ja, manchmal vergesse auch ich die Prinzipien des Karma Yoga, verstricke mich in Gedanken und Fragen und Wünschen und Sorgen.
Gut holt mich das Leben selbst immer wieder da raus 🙂

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Eine leidvolle Situation ändern!

Wie lange ist es her, dass ich auf der Strasse ein fröhliches Lied gesummt habe? Lange, viel zu lange, ich erinnere mich nicht einmal. Doch heute habe ich es wieder getan, plötzlich ist es mir bewusst geworden, nachdem ich schon eine ganze Weile unterwegs war.

Seit weit über einem halben Jahr lebte ich in einer für mich sehr belastenden Situation. Vor ein paar Tagen habe ich sie definitiv geändert. Warum ich so lange damit gewartet habe? Weil ich mir nicht sicher war, ob die Stimme in mir, die „Schluss!“ sagte, aus meinem Ego oder aus meiner Seele kam, desgleichen bei der anderen Stimme, die mir „Geduld!“ zurief. Einmal war diese Stimme aktiver, einmal die andere – und ich war ratlos. Ich. Ich, die ich immer behaupte, dass wir sehr wohl die Stimme des Ego von der Stimme der Seele unterscheiden können.
Zu dieser Aussage stehe ich immer noch. Wir können die beiden Stimmen unterscheiden – wenn wir es wollen. Aber starke Gefühle oder Emotionen hindern uns manchmal daran; wir wüssten zwar, was besser für uns wäre, aber…
Das Problem liegt oft auch darin, dass wir zu wissen meinen, wie es sein wird, wenn wir das eine oder das andere tun, und Angst vor dem Leiden haben. Aber später, wenn wir dann gehandelt haben, stellen wir fest, dass es überhaupt nicht so gekommen ist, wie wir befürchtet hatten.

Nun da ich meine innere Zufriedenheit und meinen Seelenfrieden wieder gefunden habe, frage ich mich natürlich: Was sollte ich aus dieser belastenden Situation lernen? War es eine Übung in Gleichmut oder eine in Entschlossenheit, etwas zu ändern?
Es spielt keine Rolle. Das ist mir jetzt ebenfalls klar geworden. Ich hätte Gleichmut üben können, wenn ich mich bemüht hätte, die Situation gleichmütig zu ertragen. Das habe ich offenbar nicht geschafft. Ich hätte Entschlossenheit und Selbstliebe üben können, wenn ich den Schritt, den ich nun gemacht habe, schon viel früher gemacht hätte. Nun ja, jetzt habe ich ihn ja gemacht, und wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.

Ich erzähle euch das, um euch zu ermuntern, nicht so lange zu warten, wie ich es getan habe. Mein spiritueller Lehrer sagte mir immer: „Solange es dir gut geht, brauchst du an deinem Leben nichts zu ändern. Aber wenn es dir nicht mehr gut geht, dann ändere etwas, und zwar sofort!“
Nehmen wir also dieses klare Symptom zum Wegweiser: Wenn es uns schlecht geht, wenn schlaflose Nächte, kreisende Gedanken uns quälen, wenn wir unseren inneren Frieden verloren haben – bewegen wir uns, ändern wir die Situation! Ohne Angst vor dem, was kommt. Es wird immer etwas sein, das uns weiter bringt, das uns etwas lehrt, immer eine Erfahrung, nie ein Fehler. Und uns am Ende glücklicher macht.

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Ein Tag pro Woche, eine Woche pro Monat, ein Monat pro Jahr

Hier eine ganz kurze, aber wirksame Anleitung, wie man Verhaltensweisen ändern kann. Damit meine ich nicht, das Rauchen aufgeben oder regelmässig joggen – obwohl diese Methode natürlich auch dafür funktioniert.

Ich denke vielmehr an Verhaltensweisen wie: nicht aufrichtig sein (also lügen oder Ausreden bemühen), beispielsweise aus Angst vor Konflikten oder jemanden zu verletzen; Perfektionismus, aus Angst den Ansprüchen anderer nicht zu genügen; die eigenen Bedürfnisse missachten und nicht Nein sagen können, um die Liebe und Anerkennung von Mitmenschen nicht zu verlieren; und unzählige weitere Verhaltensweisen, die unserer Seele nicht gut tun.

Wir bestimmen einen fixen Tag pro Woche, beispielsweise den Mittwoch, an dem wir die betreffende Verhaltensweise einfach weglassen. Und daran halten wir uns, ohne es jeden Mittwoch zu hinterfragen. Wir denken also nicht jedesmal darüber nach, welche Konsequenzen es haben wird, ob wir uns dabei in die Nesseln setzen könnten und und und. Wir haben es so festgelegt und wir tun es.

Wir bestimmen eine fixe Woche pro Monat, beispielsweise immer die erste Woche des Monats, in der wir… wie oben.

Und schliesslich bestimmen wir noch einen fixen Monat pro Jahr, beispielsweise den März, in dem wir… wie oben.
Falls das dann überhaupt noch nötig ist und sich die betreffende Verhaltensweise nicht bereits definitiv geändert hat!

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Alles geschieht mindestens zwei Mal

Vielen von uns ist bewusst, dass wie immer wieder in ähnliche leidvolle Situationen geraten, wenn wir nicht daraus gelernt haben und unser Verhalten ändern. So kann man manchmal beobachten, wie jemand sich aus einer Beziehung löst – und sich prompt wieder mit einem ähnlichen Partner zusammentut und auf ähnliche Probleme wie vorher stösst. Das Gleiche gilt für Situationen aus dem beruflichen Umfeld: Wir verlassen einen Arbeitsplatz aus bestimmten Gründen, suchen uns eine neue Stelle – und treffen wieder auf gleiche oder ähnliche Umstände, die uns nicht gefallen.

Nun ist aber die Schlussfolgerung, dass uns wieder das Gleiche passiert, weil wir offenbar nichts oder nicht genügend aus der vorangehenden Situation gelernt haben, nicht in jedem Fall zutreffend.
Das Leben funktioniert wie eine Schule, denn der Sinn ist ja unsere innere Entwicklung; wir werden ständig mit „Lernstoff“ konfrontiert und sollen etwas lernen. Wir geraten also in eine schwierige Situation und gehen irgendwie damit um, wir verhalten uns so, wie wir es als gut empfinden. Daraufhin gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie es weiter geht:

1) Haben wir „richtig“ gehandelt, ist die „Lektion“ damit beendet, wir geraten nicht wieder in die gleiche Situation – oder doch? Warum eigentlich nicht – wenn wir doch fähig sind, damit umzugehen, ist sie für uns nicht mehr schwierig und es wird uns gar nicht besonders auffallen, wenn wir uns, aus welchen höheren Gründen auch immer, wieder einmal in einer gleichen oder ähnlichen Lage befinden.

2) Haben wir „falsch“ gehandelt (wobei es in Wirklichkeit keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen!), ergeben sich zwei Möglichkeiten:
• Wir erkennen unseren „Fehler“ nicht, lernen also nicht daraus: Wir werden wieder in die gleiche oder ähnliche Lage kommen – niemals als Strafe zu verstehen, sondern nur als neue Chance zu lernen.
• Wir erkennen unseren „Fehler“, ziehen Erkenntnisse daraus, nehmen uns vor, es das nächste Mal anders und besser zu machen: Wir haben gelernt, in diese Situation müssten wir also nie wieder kommen. Oder doch? Eine theoretische Erkenntnis bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass wir sie dann in der Praxis tatsächlich umsetzen können. Deshalb werden wir irgendwann wieder in eine ähnliche Situation geraten: Wir werden auch in der Lebensschule, wie in jeder Schule, geprüft. Bestehen wir die Prüfung, so befinden wir uns an dem Punkt wie unter 1) beschrieben. Bestehen wir die Prüfung nicht, wird uns der „Lernstoff“ im Sinn einer neuen Chance wieder begegnen und wieder geprüft werden. Bis wir ihn wirklich gelernt haben.

Nun sollen wir uns keinesfalls vor diesen Herausforderungen und Prüfungen fürchten. Wir bekommen jede Hilfe, die wir brauchen, wir werden stets liebevoll geführt und wir dürfen darauf vertrauen – wie es so schön im Koran steht –, dass keiner Seele mehr auferlegt wird, als sie zu tragen vermag.

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