Alles hat einen Sinn

„Alles hat einen Sinn“ – ein Credo für mich – „auch wenn wir ihn manchmal nicht (sofort) erkennen.“ Diese Erfahrung habe ich kürzlich wieder einmal gemacht. Die Erfahrung des zweiten Satzteils, meine ich.

Ich hatte beschlossen, mir einen erholsamen Tag im Thermalbad zu machen, mit Sauna, Massage und allem, was dazu gehört, und war mit dem Auto unterwegs in eine Therme, die über 100 Kilometer von mir zu Hause entfernt ist.
Gemütlich fuhr ich durch die schöne Landschaft, als ich, noch etwa eine Viertelstunde von meinem Ziel entfernt, ein leichtes Kratzen im Hals spürte. „Nanu“, dachte ich, „du wirst dich wohl nicht erkältet haben?“ Die Inkubationszeit kurz überschlagend, konnte ich mir nicht vorstellen, wo ich mich angesteckt haben könnte.
Nach weiteren zehn Minuten bestand für mich aber kein Zweifel, dass ich eine Halsentzündung hatte, und mir war klar, dass Bad und Sauna bei einer Erkältung, selbst bei einer beginnenden, absolut tabu sind.
Bei der nächsten Gelegenheit – und das war bereits der Parkplatz der Therme – wendete ich und fuhr zurück nach Hause. Dabei fragte ich mich gespannt, was mich zu Hause erwartete, denn ich war davon überzeugt, dass es einen Grund gab, warum mich etwas zur Umkehr bewog. Eine ähnliche Situation hatte ich vor vielen Jahren schon einmal erlebt, und der Grund war damals gewesen, dass mich im Büro ein dringender, lukrativer Auftrag erwartete, den ich verloren hätte, wäre ich an jenem Tag abwesend gewesen.

Eine knappe halbe Stunde bevor ich mein Zuhause wieder erreichte, nahm ich erstaunt wahr, dass ich meine Halsschmerzen gar nicht mehr spürte! Und sie kamen auch später nicht zurück. Ich war kerngesund.
So sass ich dann in meinem Büro, arbeitete friedlich vor mich hin und erwartete jeden Augenblick irgendein Ereignis, das mir den Sinn des Ganzen erklärte. Aber nichts geschah, den ganzen Tag lang nicht. Ich weiss bis heute nicht, warum ich umkehren musste. Was ich aber mit Sicherheit weiss: Es hatte einen Sinn. Und wenn er sich mir nicht erschliesst, dann darum, weil ich ihn nicht zu erfahren brauche.

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Gleichmut, Urvertrauen und Schrödingers Katze

Bis weit in die zweite Hälfte hinein empfand ich 2016 als ein strapaziöses Jahr für mich. Ich hatte laufend zu kämpfen, vor allem mit technischen Problemen. Es fing bereits im Januar an mit dem Sat-Receiver, es folgten der Computer, das Internet allgemein und einiges mehr. Das wäre ja alles kein Problem gewesen (ausser ein finanzielles), hätte ich alles einfach ersetzen können. Aber nein, nichts klappte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Sat-Receiver wurde vom Lieferanten drei Mal (!) ausgetauscht, weil jedes Gerät von Anfang an defekt war oder Mängel aufwies. Das bedeutete für mich anrufen, warten, wieder anrufen, nochmals warten… So zogen die Monate dahin.
Ich musste mir ständig sagen: „Bleib gelassen, es ist nicht so wichtig, am Ende wird alles gut gehen“ und „Wenn Schwierigkeiten auftauchen, hat es einen Sinn, du musst etwas daraus lernen; es kann dir nichts geschehen, was nicht gut für dich ist.“ Es kostete mich einige Energie. Doch ich machte genau die Erfahrung, die ich jedem anderen vorausgesagt hätte (aber selbst vergisst man ja die eigene Weisheit zuweilen) 😉 Nämlich dass es zähflüssig, problematisch und unbefriedigend lief, solange ich mich ärgerte, kämpfte, auflehnte. Sobald ich meinen Gleichmut und mein Urvertrauen wiederfand und ich losliess, lösten sich die Probleme.

Dann, im Spätherbst, als eine grosse Aufgabe für mich anstand – plötzlich läuft alles reibungslos! Sogar in den Bereichen, in denen Hindernisse und Schwierigkeiten zu erwarten und normal gewesen wären, nichts, alles erledigt sich fast von selbst. Ich empfand eine grosse Dankbarkeit und ruhige Zufriedenheit. Und vergessen waren die anstrengenden Monate – dachte ich.

Letzte Woche stellte ich bei einer Behörde einen Antrag, der von einer Menge Dokumenten begleitet sein musste, sodass der Briefumschlag, in dem ich das Ganze versandte, recht voluminös und schwer war.
Gestern fand ich in meiner Post einen gleich voluminösen und schweren Brief mit dem Absender eben dieser Behörde. „Oh nein!“, war mein erster Gedanke, weil mir die ganzen Schwierigkeiten des vergangenen Jahres augenblicklich wieder präsent waren, „der Antrag ist abgelehnt und sie schicken mir alle meine Unterlagen zurück.“
Doch noch bevor ich den Umschlag öffnete, wurde mir bewusst, wie ich gerade dabei war, einen negativen Ausgang zu programmieren – indem ich ihn erwartete und so meine Gedankenenergie darauf richtete. Und sofort fiel mir Schrödingers Katze ein. Ich erzähle dieses Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger kurz in geraffter und vereinfachter Form *.

Man sperrt eine Katze in eine Kiste, in der sich eine geringe Menge einer noch nicht zerfallenen radioaktiven Substanz befindet. Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb einer bestimmten Zeitspanne Radioaktivität entsteht und die Katze tötet, liegt bei 50 Prozent.
Nun steht man nach abgelaufener Zeit vor der geschlossenen Kiste und weiss nicht, ob die Katze lebendig oder tot ist. Bis man den Deckel nicht geöffnet hat, sind beide Möglichkeiten gleich real.

Mein Briefumschlag der Behörde enthielt also beide Möglichkeiten, Zu- und Absage, bis ich ihn nicht öffnete und nachschaute. Bevor ich ihn aufriss, sagte ich mir also: „Nichts ist wirklich geschehen, bis ich es zur Kenntnis nehme. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, Zeit ist lediglich eine Dimension. Ich öffne jetzt den Umschlag und der Bescheid ist positiv. In diesem Augenblick fällt die Entscheidung.“
Der Bescheid ist positiv! Die Behörde hatte mir meine Unterlagen nicht zurückgeschickt – der Brief war so dick, weil sie eine Informationsbroschüre beigelegt hatten.

Unsere Gedanken sind eine überaus machtvolle Energie. An uns ist es, sie richtig zu nutzen.

* Ich weiss, dass Schrödinger mit diesem Gedankenexperiment etwas anderes darlegen wollte als die Schlussfolgerungen, die ich ziehe. Alle Physiker mögen mir verzeihen, dass ich es in dieser spirituellen Form verwende.

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Gegenwind

Wie oft weht uns doch im Leben ein rauer Wind entgegen! Sind wir dann frustiert, verärgert, enttäuscht, verbittert, dass die äusseren Umstände gegen uns sind? Oder nehmen wir sie mit Gleichmut an und ertragen sie? Gelingt es uns vielleicht sogar, in ihnen eine Chance zu erkennen und sie zu nutzen?

Immer wieder vergessen wir, dass wir keine Macht über das Schicksal besitzen. Wir können zwar vorausdenken und planen, uns bemühen und in Weisheit handeln – dennoch haben wir keine Garantie, dass alles so läuft, wie wir es gerne hätten. Und wir vergessen ebenfalls, dass es auf unserem Lebensweg um mehr geht, als um das, was ich (mein Ego) will. Es geht um unsere innere Entwicklung, darum, dass wir lernen – und wie könnten wir das, wenn sich immer alles nach unseren Wünschen gestaltete und wir nie in herausfordernde Situationen gerieten? Wir lernen nicht, indem wir tun, was wir schon beherrschen, sondern nur indem wir uns mit dem beschäftigen, was wir noch nicht können.

Deshalb ist es sinnlos, uns gegen den Wind zu stellen, uns gegen unser Schicksal zu wehren. Wir können dem nicht entfliehen, was für uns als „Lebenslektion“ vorgesehen ist, wir können es höchstens hinauszögern. Aber wer weiss, ob der künftige Sturm dann nicht noch herausfordernder ist als der momentane Gegenwind?

Halten wir es lieber mit einer Weisheit Aristoteles:

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.

Sehen wir jede schwierige Situation als eine Chance zu lernen, als eine konkrete Möglichkeit, unser Leben in eine andere Richtung zu lenken. Ich bin davon überzeugt, dass wir das Recht haben, in diesem Leben glücklich zu sein. Ich bin aber auch zutiefst davon überzeugt, dass wir anhaltendes Glück nicht finden, solange wir uns nicht unserem eigenen Lebensweg ergeben, ihn in Gleichmut annehmen, egal wohin er uns führt. Folgen wir ihm hingegen und betrachten ihn nicht länger als unangenehm, unerwünscht, unglücklichmachend, so werden wir darin unsere Lebensfreude und unsere Erfüllung finden – unsere innere Zufriedenheit.

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Regeln eines Zen-Meisters

Immer wieder stelle ich fest, wie viele Ähnlichkeiten im Kern der verschiedenen mystischen Richtungen von Religionen und Philosophien bestehen. Deshalb gebe ich heute einige Empfehlungen eines Zen-Meisters* an seine Schüler wieder, die ebenso gut aus dem Karma Yoga stammen könnten.

• In der Welt zu leben, ohne Anhaftung an den Staub der Welt, ist der Weg eines wahren Zen-Schülers.
• Wenn du jemanden bei einer guten Tat siehst, ermutige dich selbst, seinem Beispiel zu folgen. Hörst du von einem Fehler eines anderen, so ermahne dich, ihn nicht nachzuahmen.
• Die Armut ist dein Schatz. Tausche ihn nie gegen ein bequemes Leben ein.
• Die Tugenden sind die Früchte der Selbstdisziplin und fallen nicht von selbst vom Himmel wie Regen oder Schnee.
• Ein edles Herz zwingt sich anderen nie auf. Seine Worte sind seltene Edelsteine, kaum je zur Schau gestellt und von grossem Wert.
• Dem aufrichtigen Schüler ist jeder Tag ein glücklicher Tag. Die Zeit vergeht, aber er bleibt nie zurück. Weder Ruhm noch Schande berühren ihn.
• Lebe sinnvoll und überlasse die Ergebnisse dem grossen Gesetz des Universums. Verbringe jeden Tag in friedlicher Kontemplation.

* Zangetsu war ein chinesicher Zen-Meister aus der Zeit der Tang-Dynastie (zumindest steht diese Aussage auf einigen wenigen Websites – sehr bekannt war er wohl nicht, da man im Internet kaum etwas über ihn findet; dennoch finde ich seine Regeln interessant und lehrreich)

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Tun um des Tuns willen

„Das ist der Schädel eines der städtischen Einhörner, nicht wahr?“, frage ich sie.
Sie nickt. „Die alten Träume wurden in den Schädel eingelassen und dort versiegelt“, sagt sie leise.
„Und ich soll sie jetzt da herauslesen?“
„Das ist die Arbeit des Traumlesers“, sagt sie.
„Und was soll ich dann mit den Träumen machen?“
„Nichts. Sie brauchen sie nur herauszulesen.“
„Also, das begreife ich nicht“, sage ich. „Dass ich alte Träume lesen soll, habe ich so weit verstanden. Aber dass ich dann nichts weiter damit machen soll, will mir nicht in den Kopf. Das bedeutet doch, dass die Arbeit gar keinen Sinn hat. Arbeit muss doch irgendeinen Zweck haben! […]
Sie schüttelt den Kopf. „Worin der Sinn liegt, kann ich Ihnen auch nicht erklären. Vielleicht kommen Sie bei der Arbeit von alleine drauf. Aber das spielt auch keine Rolle, solcher Sinn hat mit Ihrer eigentlichen Arbeit nicht das Geringste zu tun.“

Aus „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ von Haruki Murakami

Treffend zeigt dieser Dialog zwischen der Angestellten der Traumbibliothek und dem Traumleser auf, wie wir für unsere Arbeit, für alles, was wir tun, einen Sinn anstreben. Normalerweise tun wir nichts ohne Zweck: Wir handeln stets „weil“, „um zu“, „damit“. Ein Motiv liegt den simpelsten Tätigkeiten wie Zähne putzen, Briefe schreiben oder Schuhe anziehen zu­grun­de, ebenso wie edlen Werken: weil wir an ein Ideal glauben; um zu helfen; damit etwas Schönes entsteht. Immer geht es um menschliche Motive im Hinblick auf kurzfristige Ziele, vielfach vom Ego, von seinen Wünschen und Ängsten be­stimmt.

Aber muss Arbeit wirklich einen Sinn haben? Nein, lehrt uns der Karma Yoga.
Die Bhagavadgita, die Grundlage des Karma Yoga, verlangt von uns ein Handeln, mit dem wir weder für andere Menschen noch für uns selbst etwas anstreben, es soll also frei von jeglicher Erwartung auf Ergebnisse sein. Wir tun einzig um des Tuns willen. Weil dies unsere Aufgabe in dieser Welt ist und wir, solange wir im Diesseits einen Körper haben, gar nicht anders können, als zu handeln: Wir müssen uns ernähren, pflegen, für unsere Lieben sorgen und vieles mehr.

Im Allgemeinen handeln wir allerdings nach dem Prinzip von Lust und Unlust. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne tun, und ebenso viele, die wir ungern erledigen. Dadurch wechseln wir fortwährend zwischen Freude und Widerwillen.
Um dem zu entgehen, müssen wir lernen, alles gerne – oder zumindest gleich­mütig, ohne Abneigung – zu tun. Das ist gar nicht so schwer, es braucht nur ein bisschen guten Willen und etwas Ausdauer, um dabei zu bleiben, bis sich dieses Verhalten als Ge­wohnheit in uns eingeprägt hat.
Wir machen daraus eine Regel, an die wir uns künftig einfach halten, ohne sie zu hinterfragen: Ich mache stets das, was gerade ansteht. Ob im Haushalt, im Beruf oder in meiner Freizeit: Wenn ich sehe, dass etwas getan werden sollte (und ich sehe es, alles andere sind faule Ausreden!), dann tue ich es, sofort, ohne Aufschub.
Dabei achten wir besonders darauf, augenblicklich damit zu beginnen, ohne zwei Mal darüber nachzudenken, sonst kommt schnell Unlust auf, der wir gerne nachgeben. Nehmen wir diese trotzdem wahr, setzen wir uns über sie hinweg. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem wir unsere ganze Willenskraft aufbringen und der Trägheit „Nein!“ sagen müssen. Nachher vertiefen wir uns derart in die jeweilige Tätigkeit, dass für nichts anderes mehr Platz in uns ist, sodass in der Regel auch kein Widerwille mehr aufkommt – mit dem wohltuenden Nebeneffekt, dass wir auf diese Art vollständig in der Gegenwart leben, die Aufgabe schneller und besser bewältigen und oft sogar Freude empfinden.

Bei Pflichten, die wir nicht mögen, neigen wir jedoch dazu, nur das Nötigste zu tun, vielleicht sogar etwas fahrlässig und liederlich. Das widerspricht aber dem Prinzip unserer Vervollkommnung. Deshalb geben wir bei allem, was wir tun, immer unser Bestes, entsprechend unseren Fähigkeiten und der uns zur Verfügung stehenden Zeit.
Wir verfallen dabei jedoch nicht in einen Perfektionismus, dessen Ursache – aus mangelndem Selbstwertgefühl – in der Angst zu versagen, der gefürchteten Kritik der Mitmenschen und Ähnlichem liegt. Im Gegenteil: Haben wir nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, im Rahmen unserer Möglichkeiten, so akzeptieren wir das Ergebnis mit Gleichmut, auch wenn es nicht gut ausfällt. Wir machen uns keine Vorwürfe und tragen keine Schuldgefühle mit uns he­rum. Wir können ja nicht mehr tun, als wir vermögen!

Vielleicht wäre dies der gute Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich tue immer sofort, was getan werden muss, und ich tue es immer so gut wie möglich.

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Durchs Leben wandern

Die Formulierung „durch das Leben wandern“ verwende ich gerne, nicht nur, weil ich in meiner Freizeit oft lange Wanderungen unternehme. Vielmehr weil eine Wanderung uns dazu dienen kann, Einsichten über unsere aktuelle Lebenssituation zu gewinnen oder uns allgemeine Erkenntnisse zum Leben schenkt. Ja, wir können eine Wanderung ganz bewusst zu diesem Zweck unternehmen. Wir brauchen dann nur die Symbole zu deuten, die uns unterwegs begegnen. Ich erzähle euch von meiner gestrigen Wanderung, dann erkennt ihr sofort, was ich damit meine.

Es war ein sonniger und milder Herbsttag. Ich machte mich auf zu einer Wanderung, deren ersten Teil ich gut kannte, während ich die zweite Hälfte der Strecke noch nie gegangen war. Und von diesem zweiten Teil berichte ich.

Nach dem Aufstieg an der Sonne mit einer fantastischen Sicht auf die schon leicht verschneiten Berge ging es abwärts ins andere Tal. Ich hatte mir bewusst eine Tour ausgesucht, die nur über Wanderwege und nicht über alpine Wege führte, weil ich nicht auf jeden Schritt achten, sondern die Aussicht geniessen wollte.
Ein netter Wunsch, den wir wohl alle haben: ein leichter Lebensweg mit nur Schönem rechts und links. Bis vor knapp vier Jahren war mein Leben der letzten Jahrzehnte tatsächlich sehr sonnig verlaufen, wenn auch nicht immer ohne Anstrengung.

Der Weg war schön breit, etwa drei Meter, und gut zu begehen, bis ich an eine Gabelung kam. Das gelbe Wanderwegzeichen führte hinunter in den Wald und ich sah, dass der Weg schmaler, steiler und ziemlich matschig wurde.
In die andere Richtung verlief „mein“ schöner breiter Weg – nur zeigte leider kein Wegweiser in diese Richtung und ich hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.
Ich nahm an – oder hoffte –, dass der richtige Wanderweg irgendwann wieder auf diesen schöneren Weg führen würde. Und blieb auf dem unmarkierten schönen Weg. Mir war allerdings bewusst, dass ich vielleicht würde umkehren müssen – doch ich bin beim Wandern sehr ausdauernd, auch sechs, sieben Stunden Marsch machen mir nichts aus. Deshalb erschreckte mich der Gedanke eines Umwegs nichts.
Wir entscheiden uns oft für den Weg, der uns leichter scheint. Obwohl äussere Anzeichen dafür sprechen, dass ein anderer Weg sicher richtig wäre, gehen wir den unsicheren. Allerdings dürfen wir auch immer darauf vertrauen, dass es keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen, und wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Und dass das Göttliche uns nie mehr auferlegt, als wir zu tragen vermögen.

Nach einer gefühlten knappen halben Stunde, immer leicht abwärts, angenehm, endete der Weg bei einer in dieser Jahrezeit bereits unbewohnten Alphütte. Es gab keine Möglichkeit, von da weiter zu wandern. Ich musste zurück zur Weggabelung, aber es machte mir nichts aus. Ich setzte mich kurz auf die Bank vor der Hütte und ass ein paar süsse Weintrauben, die ich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Der leichte Weg, den wir wider besseres Wissen gehen, führt oft in eine Sackgasse. Wenn wir das erkennen, dürfen wir uns keine Selbstvorwürfe machen, sondern sollten uns kurz besinnen, uns stärken, und uns dann wieder auf den richtigen Weg begeben.
Erstaunlicherweise erreichte ich die Weggabelung viel schneller, als ich angenommen hatte – oder der Weg zurück kam mir nicht so beschwerlich vor.
Einzig unsere Bewertung macht es aus, wie wir eine Situation empfinden, objektiv gibt es nicht Gutes und nichts Schlechtes. Gehen wir eine noch so schwierige Lage mit Gleichmut an, so ist sie viel leichter zu ertragen.
Ich fügte mich also in mein Schicksal und ging den steilen, matschigen Weg hinunter ins Tal. Der Wald war ziemlich dicht, kein Sonnenstrahl kam durch und je weiter nach unten ich kam, desto kühler wurde es – es war die Schattenseite des Berges. Ich trug ein Kurzarm-T-Shirt und Wandersandalen ohne Socken; natürlich hatte ich noch eine Jacke dabei, aber ich hoffte, ich würde bald aus dem Wald herauskommen und die Sonne mich dann wieder wärmen. Doch der Wald hörte und hörte nicht auf, der Weg war stellenweise sehr matschig, ich musste langsam und vorsichtig gehen. Aber meistens kam ich trotzdem gut am Matsch vorbei, ganz am Rand oder weil trockenes Herbstlaub dick über dem Matsch lag. Meistens, doch nicht immer. Meine Füsse waren schon ganz braun vor lauter Schlamm, meine Hosenbeine verspritzt.
Diese Wegstrecke interpretiere ich als meine Lebenssituation der letzten knapp vier Jahre. Etwas dunkel, steil, nicht wirklich gefährlich, aber mit Achtsamkeit und Vorsicht anzugehen. Allerdings auch immer wieder eine Hilfe, ein leichteres Stückchen Weg, und über alles gesehen, doch durch eine schöne Landschaft. Und die unschönen Äusserlichkeiten sollten wir später so leicht wegwischen wie man schmutzige Füsse und Hosen wäscht!
Als sich der Wald ein klein wenig lichtete und ich weiter talwärts blicken konnte – Nebel! Wenn ich beim Wandern etwas nicht mag, dann ist es Nebel. Man verliert schnell die Orientierung, übersieht Wegzeichen. In dem Moment kam ein Hauch von Missmut über mich: So sehr hatte ich gehofft, bald wieder an der Sonne zu sein, und jetzt auch noch das! Bei dieser Wetterlage ist bei uns Nebel in den Bergtälern nichts Aussergewöhnliches, aber ich hatte mir vor meiner Wanderung die Webcams im Internet angeschaut, und nur Sonne gesehen.
Wie ich weiterging, merkte ich, dass der Nebel sich etwa in meinem gleichen Gehtempo hinunter zurückzog.
Was machen wir uns doch immer unnötig Sorgen über Künftiges! Selbst wenn wir weiter vor uns Schwierigkeiten sehen oder vermuten – wer sagt uns denn, dass wir tatsächlich auf sie treffen? Eine ganz wichtige Lebenslektion: Mit Urvertrauen weiter gehen und uns mit den Herausforderungen dann auseinandersetzen, wenn sie wirklich da sind.
Endlich wurde der Weg flacher und breiter, mündete in eine asphaltierte Strasse, bald war der Wald fertig, der Nebel verschwunden und in der Ferne sah ich eine sanfte Hügellandschaft in der Sonne. Ich beschleunigte meinen Schritt, meine Füsse waren inzwischen sehr kalt, auf der schattigen Wiese am Waldrand lag Raureif.
Beinahe wäre ich auf dem unscheinbaren Glatteisfilm auf der Strasse ausgerutscht, ich konnte einen Sturz gerade noch akrobatisch abwenden.
Es ist befreiend, wenn wir nach einer dunklen Zeit am Horizont wieder die Sonne sehen. Manchmal haben wir es jedoch zu eilig, aus einer unangenehmen Lage herauszukommen und werden unvorsichtig. Diese Erkenntnis traf mich gestern bei meinem Ausrutscher wie ein Blitz! Ich sagte mir: „Karin, geh langsam voran, überstürze nichts, sieht es auch noch so vielversprechend aus, lass dem Göttlichen die Zeit, für dich das Beste zu wirken, reiss die Zügel nicht an dich…“ Und eine Woge der Dankbarkeit und Zuversicht durchströmte mich.
Schliesslich, endlich!, war ich wieder an der Sonne, die Strasse schlängelte sich sanft hinunter zum Dorf, noch eine Dreiviertelstunde verriet mir der Wegweiser. Und rot leuchtete etwas weiter unten eine Bank am Wegrand – dort wollte ich eine Weile rasten, etwas essen und trinken und ausruhen, bevor ich dann auf mein Ziel zusteuerte.
Lassen wir uns Zeit, der Weg ist das Ziel. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg zu geniessen und vor allem daraus zu lernen.

Viele Male habe ich schon eine Wanderung unternommen, mit der bewussten Absicht, aus den Symbolen Antworten zu finden. Und jedes Mal habe ich wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.
Ich kann euch empfehlen, wenn ihr einmal Fragen an eure Lebenssituation habt, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst oder Einsichten sucht: geht wandern! Es darf durchaus auch ein Spaziergang sein, Hauptsache ihr geht allein und hinaus in die Natur. Wählt eine Route, die ihr nicht kennt, es ist dann einfacher, sie unvoreingenommen zu begehen. Seid wachsam für alles, was euch auf dem Weg begegnet, spürt, was es in euch auslöst, folgt den spontanten Assoziationen, die in euch aufkommen, nehmt die Einsichten und Erkenntnisse in euch auf.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen eine frohe Wanderung durchs Leben!

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Fragen zu Urvertrauen und Gleichmut

Interview mit Karin Jundt über Karma YogaLetzte Woche erschien in einigen Schweizer Regionalzeitungen ein Interview mit mir über Karma Yoga. Das Interview hat Gabriele Spiller (GS) geführt, der ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich für das bereichernde Gespräch danke.

Das gesamte Interview könnt ihr als PDF-Datei herunterladen.
Die Antworten zu einigen der mir gestellten Fragen will ich nachfolgend noch etwas vertiefen.

GS: Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Diese Verunsicherung ist nichts Neues, früher lag sie nur in anderen Herausforderungen, beispielsweise in Missernten und der Willkür der Herrschenden.
Ich gehe oft so weit zu sagen, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf unser Schicksal haben, und stosse dabei nicht selten auf Widerspruch. Doch diese Erfahrung haben wir ja alle schon gemacht: Wir bemühen uns, ein Ziel zu erreichen, setzen alles daran, die Vorzeichen sind günstig – und dennoch scheitern wir. Auf der anderen Seite fallen uns manchmal die gebratenen Tauben nur so in den Schoss, ohne dass wir uns angestrengt haben.
Auch sind wir dem Schicksal völlig ausgeliefert, etwa was Tod und Krankheiten betrifft. Ebenso wenn andere Menschen involviert sind, da wir ihnen nicht unseren Willen aufzwingen können, beispielsweise wenn mein Partner mich verlässt oder mein Arbeitgeber mich entlässt.
Wir wünschen und planen zwar, aber was schliesslich daraus entsteht, entzieht sich unserer Macht. Deshalb ist Urvertrauen so wichtig. Wir haben im Grunde genommen gar keine andere Wahl. Entweder wir hadern mit dem Schicksal, verbittern, kämpfen gegen Windmühlen, versinken in Selbstmitleid – oder wir vertrauen darauf, dass immer alles nur zu unserem Besten geschieht, dass wir in dieser Lebensschule geführt und getragen sind. Dass alles einen Sinn hat, selbst wenn wir ihn nicht unmittelbar erkennen.

GS: Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Die meisten Menschen glauben an ein Göttliches in irgendeiner Form, mir sind in meinem Leben selten echte Atheisten begegnet. Viele haben jedoch Mühe mit dem Gott, der ihnen als Kind vermittelt wurde. Dazu hat Tolstoi etwas Treffendes gesagt: „Wenn in dir der Gedanke aufkommt, dass alles, was du über Gott dachtest, falsch ist und dass es keinen Gott gibt, so lass dich dadurch nicht verunsichern. Es geht allen so. Meine aber nicht, dein Unglaube rühre daher, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an deinen früheren Gott glaubst, so liegt es daran, dass an deinem Glauben etwas falsch war, und du musst versuchen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, so bedeutet das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Es ist zugegebenermassen manchmal nicht leicht, an einen weisen, allmächtigen, liebenden Gott zu glauben, wenn man sieht, was auf der Welt geschieht, wie viele Menschen leiden. Aber: Wenn wir an eine höhere Macht in welcher Form auch immer glauben, liegt es dann nicht nahe, dass dieses Höhere einen besseren Überblick über das Weltengeschehen hat als wir und weiss, was es tut? Und ist es nicht anmassend, wenn wir meinen, mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist verstehen zu können, was dieses Höhere mit der Welt, wie sie ist, bezweckt?
Doch mir liegt es fern, jemanden bekehren zu wollen. Jeder Mensch muss der Wahrheit vertrauen, die in ihm selbst anklingt. Dann wird der persönliche Glaube zu einem Wissen, und nur dann können wir auch danach leben. Alle anerzogenen oder aufgezwungenen Dogmen sind sinnlos, sie führen nur zu Scheinheiligkeit und Heuchelei.

GS: Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. Warum passiert gerade mir das, und warum gerade jetzt?
Die Frage nach dem Warum stellen wir uns tatsächlich immer wieder. Präziser muss sie lauten: „Was will mich dieses Ereignis lehren?“ Der Sinn des Lebens scheint in der Evolution zu liegen, allerdings nicht nur in der physichen, sondern vor allem in der geistigen. So ist das Leben selbst unsere Schule, in der wir lernen und uns zur Vollkommenheit hin entwickeln – spirituell ausgedrückt: zur Gottesverwirklichung oder Erleuchtung oder wie man es nennen will.
Daher werden wir – und hiermit ergänze ich auch die vorangehende Frage nach der sinnvollen Lenkung des Universums – an die Erfahrungen herangeführt, durch die wir etwas lernen können. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, jeder Mensch hat seine eigenen Lektionen zu lernen. Deshalb haben nicht alle Menschen auf der Welt das gleiche Schicksal.
Was auch immer auf uns zukommt, das Urvertrauen sagt uns: „Das Göttliche wird schon wissen, warum mir das jetzt geschieht. Und ich bemühe mich, die Lektion zu verstehen.“
Der Gleichmut ist dabei ebenfalls unerlässlich, denn er hilft uns, das sogenannt Angenehme und das sogenannt Unangenehme gleichermassen zu akzeptieren. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, heisst es: „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren in­neren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavadgita XIV, 24 f.) Es geht also darum, nicht zu werten: Die Dinge sind an sich weder gut noch schlecht, erst durch unsere Bewertung machen wir sie zu etwas Erwünschten oder etwas Verhasstem.
Gelingt es uns, mehr Gleichmut zu entwickeln, so leben wir gesamthaft zufriedener. Denn in 95 Prozent unseres Alltags reiben wir uns an Banalitäten, etwa dass das Wetter schlecht ist, wenn wir wandern gehen wollen, oder dass die Kinotickets für einen Film schon ausverkauft sind, oder dass das Essen im Restaurant nicht unseren Erwartungen entspricht und und und. Diese Alltagssituationen mit Gleichmut anzunehmen ist nicht allzu schwer, haben wir die Einsicht einmal gewonnen. Und es ist die richtige Übung für den Fall, dass uns einmal ein wirklich schwerer Schicksalsschlag trifft.

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Alle Lust will Ewigkeit

Ist es nicht so, dass Gleichmut und Nicht-Anhaftung – zwei der wichtigsten Eigenschaften im Karma Yoga und für ein zufriedenes Leben überhaupt – einem viel schwerer fallen, wenn man glücklich ist? Weil man sich dem Glück ganz hingibt, im Überschwang, und es festhalten will? Genau wie Nietzsche schrieb: Alle Lust will Ewigkeit (siehe Textzitat weiter unten).

Wenn wir hingegen traurig, deprimiert, verletzt, vom Schicksal herausgefordert sind, dann müssen wir uns um Gleichmut bemühen. Das sind die Zeiten, in denen wir Gleichmut und Nicht-Anhaftung üben und darin Fortschritte machen.

Es ist aber wichtig, dass wir auch in den glücklichen Momenten gelassen bleiben.
Wollen wir uns nämlich dank Gleichmut dem Drama des Lebens (dem ewigen Auf und Ab) entziehen, so können wir natürlich nicht die Täler meiden, die Gipfel dennoch erklimmen wollen! Wir müssen auf dem sanften Hügelzug der heiteren Gelassenheit wandern. Auch die beglückenden Ereignisse, die uns zu Luftsprüngen verleiten möchten, sind mit einer gesunden Portion Gleichmut entgegen­zuneh­men.
Das will nicht heissen, dass wir uns an dem, was uns zufällt, nicht erfreuen. Wir sind uns dabei jedoch bewusst, dass es eine nebensächliche Gabe ist, nicht die Voraussetzung zu unserer Zufriedenheit. Und dass sich im gegenteiligen Fall für uns überhaupt nichts ändern würde. Die Freuden des Daseins sind sozusagen das Sahnehäubchen auf unserem ohnehin schon süssen Seelenfrieden.

Nachfolgend also das Nachtwandler-Lied von Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“.
Den vollständigen Text findet ihr im Projekt Gutenberg.

Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals „du gefällst mir, Glück! Husch! Augenblick!“ so wolltet ihr Alles zurück!
Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh so liebtet ihr die Welt, ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will Ewigkeit!

Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will vergüldetes Abendroth
– was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beisst in sich, des Ringes Wille ringt in ihr, –
– sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern gehasst sein, –
– so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Hass, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach Welt, – denn diese Welt, oh ihr kennt sie ja!
Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbändige, selige, – nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.
Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,
– Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist »Noch ein Mal«, dess Sinn ist »in alle Ewigkeit!«, singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra’s Rundgesang!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief –,
»Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
»Die Welt ist tief,
»Und tiefer als der Tag gedacht.
»Tief ist ihr Weh –,
»Lust – tiefer noch als Herzeleid:
»Weh spricht: Vergeh!
»Doch alle Lust will Ewigkeit
»will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

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Das Salz und der Pfeffer des Lebens?

Spreche ich über Gleichmut oder innere Gelassenheit, bekomme ich manchmal zu hören: „Diese ewige ‘innere Zufriedenheit’: wie langweilig! Es sind doch die Höhen und Tiefen das Salz und der Pfeffer des Lebens…“

Zuweilen begeben wir uns erst auf eine spirituelle oder generelle Sinn-Suche, wenn wir mit unserem Leben unzufrieden sind, wobei der Tiefpunkt, an dem wir angelangt sein müssen, bis wir uns gezwungen fühlen einen Schritt zu unternehmen, individuell ist. Solange der Mensch im „Drama des Lebens“ mit seinem Auf und Nieder einigermassen glücklich ist, besteht für ihn meistens kein Anlass, etwas zu ändern.

Doch haben wir den spirituellen Weg einmal zu unserem Ziel erkoren, so haben Hochs und Tiefs in unserem Leben nichts mehr zu suchen – wir streben die immerwährende All-Seligkeit des Göttlichen an (im Hinduismus Ananda genannt). Das Göttliche, das Absolute, ist die Einheit: Eine unserer Aufgaben besteht darin, die Dualität aufzulösen. Es gibt dann also kein warm und kalt mehr, weder schön noch hässlich, nicht gut und schlecht, kein Geliebtes und Verhasstes – alles ist Eins. Um in diese Einheit zurückzukehren (Gottesverwirklichung, Erleuchtung zu erlangen) müssen wir in allem das Göttliche sehen, in dem, was uns behagt, ebenso wie in jenem, was uns unangenehm ist, und beides als gleichwertig annehmen.
Das ist dieser Gleichmut, der die Höhen und Tiefen des Lebens einebnet und uns bald schon diese innere Zufriedenheit schenkt, die nicht von Äusserem abhängt und allein im Wissen um unsere Einheit mit dem Göttlichen begründet liegt. Darin fühlen wir uns glücklicher als auf den höchsten Gipfeln des Lebensdramas – und das ist keineswegs langweilig! Im Gegenteil: Der einzige Weg, der Langeweile und dem Überdruss des irdischen Daseins auf Dauer zu entkommen und nicht ständig nach einem neuen „Kick“ zu suchen, liegt darin, die eigene innere Entwicklung zum Ziel zu erklären – das macht das Leben jeden Tag von neuem wirklich spannend!

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Winterwanderungen

Wandern im Winter ist stiller als im Sommer: Man trifft weniger Menschen, die Natur ruht und schweigt, es gibt nicht so viel zu sehen. Man beschäftigt sich vermehrt mit den eigenen Gedanken.

Vor ein paar Wochen war ich einige Tage lang unterwegs in den Bergen und habe ein bisschen auf mein Leben zurückgeblickt – nicht etwa, weil ich kürzlich 60 geworden bin und nun mindestens zwei Drittel meines Lebens hinter mir habe, sondern vielmehr weil ich mich seit einiger Zeit frage, in welche Richtung ich künftig gehen soll.
Dabei habe ich Möglichkeiten und Gelegenheiten gedanklich hin- und hergewälzt, über Sinn und Unsinn einiger meiner Vorhaben sinniert, mir wichtige Aussagen aus dem kürzlich gelesenen Buch von Konstantin Wecker, „Die Kunst des Scheiterns“, durch den Kopf gehen lassen… Ohne zu irgendwelchen vernünftigen und konstruktiven Schlüssen zu kommen.

Erst als ich in der immer noch tiefverschneiten Landschaft an einzelnen Büschen schon erste grüne Blättchen entdeckte und plötzlich eine Biene und einen Schmetterling nach Nektar suchend umherfliegen sah, wurde mir schlagartig bewusst: „Hör auf, dir Gedanken zu machen. Lebe den Augenblick, lass dich führen von der Vorsehung, von der Göttlichen Mutter, dein Weg breitet sich Schritt um Schritt vor dir aus. Du brauchst nur die Augen offen zu halten und zuversichtlich deinen Weg zu gehen. Tue jeden Tag, was zu tun ist, was auf dich zukommt, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.“

Ja, manchmal vergesse auch ich die Prinzipien des Karma Yoga, verstricke mich in Gedanken und Fragen und Wünschen und Sorgen.
Gut holt mich das Leben selbst immer wieder da raus 🙂

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