In der Schwebe

Menschen, die sich um ihre Selbstveränderung bemühen, sei es die spirituelle Entwicklung oder das innere Wachsen auf anderen Gebieten, empfinden dabei immer wieder einmal ein Gefühl der „Leere“, das meistens nach einer intensiven Phase auftritt. Ich gebe ein konkretes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung.
Als ich mich vor vielen Jahren dem Ziel verschrieb, meine Anhaftung an meinen Lebenspartner zu überwinden und ihm nur noch „reine“ Liebe zu schenken, spürte ich nach einigen Wochen intensiven Bemühens (durch Meditation, Erkenntnis, praktische Übungen), wie die Anhaftung nachgelassen hatte. Mit Schrecken stellte ich aber fest, dass ich auch keine Liebe mehr für meinen Partner empfand, es war nur Leere da. War mit der Anhaftung also auch die Liebe verschwunden? Bedingt das Loslassen der Anhaftung auch das Loslassen der Liebe? „Das kann doch nicht sein!“, dachte ich.
Tatsächlich kam nach einer Weile die Liebe zurück, stärker, „reiner“ als zuvor. Nach dem Überwinden der Anhaftung hatte ich mich bloss in einem Zustand der Schwebe befunden, der dann nach ein paar Tagen vorbei war.

Ein solches Phänomen ist generell recht häufig zu beobachten, wenn wir einen Schritt von einer Bewusstseinsebene auf die nächsthöhere machen, besonders auch beim Überwinden von Verhaltensmustern. Wir können es uns bildlich so vorstellen: Wir heben einen Fuss vom festen Grund und setzen ihn eine Stufe höher. Während dieses Vorgangs und bis wir den zweiten Fuss nachgezogen haben, hängen wir zwischen zwei Stufen, das Gleichgewicht ist etwas labiler, wir sind zwar nicht mehr unten, aber auch noch nicht richtig oben. Oft empfinden wir in diesem schwebenden Zustand neben der Leere auch Mutlosigkeit oder Ungeduld, weil alles stillzustehen scheint, kein offensichtlicher Fortschritt erkennbar ist.
Doch unsere innere Entwicklung geschieht wie hinter einem Schleier: Lange ändert sich vermeintlich nichts – plötzlich stellen wir dann aber mit Erstaunen und Freude fest, dass wir einen Schritt vorangekommen sind, eine Stufe erklommen haben.

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Regeln eines Zen-Meisters

Immer wieder stelle ich fest, wie viele Ähnlichkeiten im Kern der verschiedenen mystischen Richtungen von Religionen und Philosophien bestehen. Deshalb gebe ich heute einige Empfehlungen eines Zen-Meisters* an seine Schüler wieder, die ebenso gut aus dem Karma Yoga stammen könnten.

• In der Welt zu leben, ohne Anhaftung an den Staub der Welt, ist der Weg eines wahren Zen-Schülers.
• Wenn du jemanden bei einer guten Tat siehst, ermutige dich selbst, seinem Beispiel zu folgen. Hörst du von einem Fehler eines anderen, so ermahne dich, ihn nicht nachzuahmen.
• Die Armut ist dein Schatz. Tausche ihn nie gegen ein bequemes Leben ein.
• Die Tugenden sind die Früchte der Selbstdisziplin und fallen nicht von selbst vom Himmel wie Regen oder Schnee.
• Ein edles Herz zwingt sich anderen nie auf. Seine Worte sind seltene Edelsteine, kaum je zur Schau gestellt und von grossem Wert.
• Dem aufrichtigen Schüler ist jeder Tag ein glücklicher Tag. Die Zeit vergeht, aber er bleibt nie zurück. Weder Ruhm noch Schande berühren ihn.
• Lebe sinnvoll und überlasse die Ergebnisse dem grossen Gesetz des Universums. Verbringe jeden Tag in friedlicher Kontemplation.

* Zangetsu war ein chinesicher Zen-Meister aus der Zeit der Tang-Dynastie (zumindest steht diese Aussage auf einigen wenigen Websites – sehr bekannt war er wohl nicht, da man im Internet kaum etwas über ihn findet; dennoch finde ich seine Regeln interessant und lehrreich)

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Alle Lust will Ewigkeit

Ist es nicht so, dass Gleichmut und Nicht-Anhaftung – zwei der wichtigsten Eigenschaften im Karma Yoga und für ein zufriedenes Leben überhaupt – einem viel schwerer fallen, wenn man glücklich ist? Weil man sich dem Glück ganz hingibt, im Überschwang, und es festhalten will? Genau wie Nietzsche schrieb: Alle Lust will Ewigkeit (siehe Textzitat weiter unten).

Wenn wir hingegen traurig, deprimiert, verletzt, vom Schicksal herausgefordert sind, dann müssen wir uns um Gleichmut bemühen. Das sind die Zeiten, in denen wir Gleichmut und Nicht-Anhaftung üben und darin Fortschritte machen.

Es ist aber wichtig, dass wir auch in den glücklichen Momenten gelassen bleiben.
Wollen wir uns nämlich dank Gleichmut dem Drama des Lebens (dem ewigen Auf und Ab) entziehen, so können wir natürlich nicht die Täler meiden, die Gipfel dennoch erklimmen wollen! Wir müssen auf dem sanften Hügelzug der heiteren Gelassenheit wandern. Auch die beglückenden Ereignisse, die uns zu Luftsprüngen verleiten möchten, sind mit einer gesunden Portion Gleichmut entgegen­zuneh­men.
Das will nicht heissen, dass wir uns an dem, was uns zufällt, nicht erfreuen. Wir sind uns dabei jedoch bewusst, dass es eine nebensächliche Gabe ist, nicht die Voraussetzung zu unserer Zufriedenheit. Und dass sich im gegenteiligen Fall für uns überhaupt nichts ändern würde. Die Freuden des Daseins sind sozusagen das Sahnehäubchen auf unserem ohnehin schon süssen Seelenfrieden.

Nachfolgend also das Nachtwandler-Lied von Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“.
Den vollständigen Text findet ihr im Projekt Gutenberg.

Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals „du gefällst mir, Glück! Husch! Augenblick!“ so wolltet ihr Alles zurück!
Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh so liebtet ihr die Welt, ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will Ewigkeit!

Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will vergüldetes Abendroth
– was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beisst in sich, des Ringes Wille ringt in ihr, –
– sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern gehasst sein, –
– so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Hass, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach Welt, – denn diese Welt, oh ihr kennt sie ja!
Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbändige, selige, – nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.
Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,
– Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist »Noch ein Mal«, dess Sinn ist »in alle Ewigkeit!«, singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra’s Rundgesang!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief –,
»Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
»Die Welt ist tief,
»Und tiefer als der Tag gedacht.
»Tief ist ihr Weh –,
»Lust – tiefer noch als Herzeleid:
»Weh spricht: Vergeh!
»Doch alle Lust will Ewigkeit
»will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

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Besitz = Leiden?

Ein Bild aus dem Buddhismus, das wir alle kennen, ist der besitzlose Bettelmönch. Dieses Armutsgelübde gibt es auch bei christlichen Orden.
Viele religiöse Traditionen und spirituelle Wege betrachten den Besitz als eines der grossen Hindernisse zur Glückseligkeit, als etwas, was Leiden verursacht. Nicht zu Unrecht, ist es doch sehr, sehr schwierig, nicht an Besitz zu haften und sich Besitz nicht zu wünschen oder seinen Verlust nicht zu fürchten.
Doch das ist der springende Punkt: Nicht der Besitz selbst ist das Problem, sondern unsere Anhaftung an ihn. Es ist für die meisten Menschen leichter, ganz auf etwas zu verzichten, als massvoll zu geniessen: Ein bisschen schreit immer gleich nach mehr!
Man könnte also auch sagen: Die grössere Leistung ist es, zu besitzen und zu geniessen, ohne den Verlust zu fürchten, als von vornherein auf alles zu verzichten und sich somit nicht um den Verlust sorgen zu müssen! Das bedeutet: Ich darf mir ohne zu zögern ein schönes Auto kaufen, wenn ich es mir finanziell leisten kann und mich an ihm erfreue – sofern es mir ehrlich nichts ausmacht, es vielleicht morgen schon nicht mehr zu besitzen und wieder mit der Bahn zu fahren. Ich darf eine Beziehung mit einem geliebten Menschen eingehen, eine Familie gründen – sofern ich bereit bin, auch allein zu leben, und dem geliebten Menschen zugestehe, jederzeit von mir zu gehen und ohne mich glücklich zu sein.

Wünsche und Anhaftung sind urmenschlich: Wie könnten wir lernen, mit ihnen umzugehen und sie loszuwerden, wenn wir nie etwas besitzen?
Das wäre als ob wir das Schwimmen erlernen wollten, ohne je ins Wasser zu springen…

Diese Grenze, nicht an Irdischem zu hängen und doch alles auf dieser Welt zu geniessen, ist allerdings schwer zu ziehen. Es ist eine Gratwanderung.
Denn solange ich etwas besitze und geniesse, ist es einfach mir einzureden, dass ich es kein bisschen vermissen würde, wäre es nicht mehr da! Dennoch ist es eine brauchbare Methode, sich jeweils zu fragen: „Würde es mir fehlen, wenn ich es nicht mehr hätte?“
Ferner sollten wir sofort an Anhaftung denken, wenn wir etwas „übertrieben“ geniessen, also einen Besitz oder Genuss verherrlichen (man hört manchmal Menschen völlig hingerissen von einer Speise, einer Reise, einem Erlebnis schwärmen). Auch Aussagen wie „Ich kann mir nicht vorstellen, ohne sie zu leben“, „Dieses Ding ist mir sehr, sehr wichtig“, „Das möchte ich nicht missen“ – Aussagen, die oft „nur so dahergesagt“ scheinen – lassen Anhaftung vermuten und sind bewusst zu hinterfragen und zu vermeiden.
Im Übrigen sollten wir uns ehrlich bemühen, uns aber nicht verurteilen und nicht verzweifeln, wenn wir nicht immer klar sehen oder feststellen müssen, dass wir uns getäuscht haben: Es lehrt uns ja das Leben… indem es uns Dinge und Menschen nimmt, an denen wir hängen, und uns so immer wieder vor Augen führt, wie stark unsere Anhaftung noch ist, und uns die Chance bietet, weiter an uns zu arbeiten.

Dazu noch eine Geschichte aus Indien.

Der Asket und das Reh
Der weise König Bharata betete eines Morgens am Ufer des Flusses, als eine trächtige Rehgeiss, die gerade ihren Durst stillte, ob dem Gebrüll eines nahen Löwen so erschrak, dass sie ins Wasser fiel und da ihr Junges gebar. Sie schaffte es dann mit letzter Kraft ans Ufer, wo sie vor Erschöpfung starb.
Bharata sah das mutterlose Rehkitz im Strom treiben; mutig stürzte er sich hinein und rettete es. Er nahm es mit in seine Waldeinsiedelei, fütterte es, beschützte es gegen die wilden Tiere, streichelte und tröstete es, wenn es weinte. Trotz seiner spirituellen Pflichten, fand er immer genügend Zeit für das Kitz. Er sagte sich: „Dieses hilflose Tier ist mir von Gott selbst gesandt worden, damit ich es grossziehe und beschütze. Das ist ein Gebot der Barmherzigkeit einem leidenden Geschöpf gegenüber.“
Er verbrachte mehr und mehr Zeit mit dem Kitz, er spielte, unternahm Spaziergänge und ass mit ihm; es schlief sogar an seiner Seite. Der Einsiedler empfand grosse Liebe für das Junge, das er gerettet hatte. Mit der Zeit hing er so sehr an ihm, dass er ständig in Sorge war, es könnte ihm etwas zustossen, wenn er einmal einen Augenblick lang nicht aufpasste; er dachte den ganzen Tag an nichts anderes mehr als an das Wohlergehen seines Tieres.
Als Bharatas Ende schliesslich nahte und er im Sterben lag, zog sein ganzes Leben vor seinem geistigen Auge vorbei. Er sah und war tief betroffen. „Meine Frau, meine Familie, mein Königreich habe ich verlassen“, klagte er, „damit ich in dieser Waldeinsiedelei von allen Anhaftungen frei werde – und bin hier der Anhaftung an ein Rehkitz verfallen…“

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Freedom is just another word…

… for nothing left to lose (Freiheit ist bloss ein anderes Wort für Nichtsmehrzuverlierenhaben) – sang Janis Joplin in ihrem Lied „Me and Bobby McGee“ gestern im Radio. Ich drehte die Lautstärke voll auf und es lief mir kalt den Rücken hinunter. Beim Ausklingen wurde mir wieder einmal schlagartig bewusst, wie sehr unsere Anhaftung an Dinge und Menschen unsere innere und äussere Freiheit einschränkt. Darüber – ebenfalls inspiriert von diesem Song – habe ich früher schon auf dieser Website geschrieben, siehe hier.

Was ich gestern aber noch schmerzlicher realisiert, ja plötzlich beinahe physisch gespürt habe: Die Anhaftung frisst eine Menge Energie. Energie, die uns dann fehlt für Initiativen, Unternehmungsgeist, Entscheidungen, bis hin zur Lebensfreude.
Egal was das Objekt unserer Anhaftung ist, ein Besitzstück (wie ein Haus), unser Job, ein geliebter Mensch, eine Lebensweise – immer ist ein Teil unserer Energie in dieser Anhaftung gebunden, sei es in der Angst, das Objekt nicht zu erlangen oder zu verlieren, sei es in glücklichen Gedanken daran. Meistens ist uns nicht bewusst, wie viel Energie wir darin verschleudern, denn unsere Sorge oder Freude steht nicht ständig im Vordergrund unserer Gedanken, vielmehr irgendwo im Hinterkopf oder in einem verborgenen Winkel unseres Herzens.

Was können wir gegen die Anhaftung und besonders gegen diese Energieverschwendung tun, wie können wir uns daraus befreien und diese Freiheit erlangen, die wir nur geniessen, wenn wir nichts besitzen, was wir zu verlieren fürchten?

Natürlich: Urvertrauen, Gleichmut und Selbstliebe helfen dagegen. Heute möchte ich euch aber zwei konkretere Anregungen geben, über die ich bei meinem langen Spaziergang vorhin nachgedacht habe – in eigener Sache, denn ich spüre, wie ich selbst in letzter Zeit ebenfalls der Anhaftung an eine bestimmte Lebensweise erlegen bin.

• Treffen wir unsere Entscheidungen und handeln wir so, als ob es das Objekt unserer Anhaftung nicht gäbe. Mit anderen Worten: Die Anhaftung ist zwar da, aber wir übergehen sie einfach, wir lassen uns durch sie nicht an dem hindern, was wir tun möchten.

• Arbeiten wir ganz intensiv an unserem Urvertrauen. Also: Vertrauen wir darauf, dass wir im Leben geführt werden, und zwar dahin, wo es gut für uns ist, und hören wir deshalb auf, etwas Bestimmtes zu wollen oder nicht zu wollen. Sagen wir mit tiefer Überzeugung zum Göttlichen: Dein Wille geschehe.

Zu diesen beiden Punkten muss ich unbedingt ergänzen, dass der Grat zwischen „mich führen lassen“ und „eine Sache schlittern lassen“ ein ganz, ganz schmaler ist! Gerne und oft zitiere ich das Gebet:

Lieber Gott, gib mir die Kraft und den Mut zu ändern, was ich ändern kann, die Gelassenheit zu ertragen, was ich nicht ändern kann, und die Weisheit zwischen den beiden zu unterscheiden.

Dass selbst dieses Lebensmotto sich wegen der Schwierigkeit der weisen Unterscheidung nicht immer so einfach anwenden lässt, zeigt mein eigenes Beispiel. Ich befinde mich seit geraumer Zeit in einer Lebenssituation, die mir nicht gefällt. Ich kann abwarten, bis mir eine Entscheidung von aussen aufgezwungen wird, sie wird früher oder später unweigerlich kommen. Oder aber ich kann die Situation selbst ändern, allerdings habe ich keine echten Wahlmöglichkeiten, ich kann mich nämlich nur für eine Richtung entscheiden, und zwar für diejenige, in die ich nicht will.
Hm… nicht will? Wollen, nicht wollen… Solche Formulierungen sollten uns immer stutzig machen. Befinde ich mich in dieser Situation mit nur einem ungeliebten Ausweg, weil ich lernen soll, sie mit Gelassenheit zu ertragen, bis das Göttliche mich in die von Ihm bestimmte Richtung führt?
Oder erwartet das Göttliche von mir, dass ich mein Leben endlich selbst in die Hand nehme und die Entscheidung treffe, war ich bisher einfach nur zu feige dazu?
Wie viel Ego steckt im Ändernwollen, wie viel im Nichtändernwollen?

Ich weiss es nicht. Meine Innere Stimme, die mich sonst so zuverlässig leitet, schweigt. Wahrscheinlich weil ich mich an eine andere meiner Lebensweisheiten halten soll: Solange ich nicht ganz sicher weiss, in welche Richtung ich gehen soll, ändere ich nichts an meiner Situation. Zumindest nichts Entscheidendes, sondern ich treffe nur, wie oben unter dem ersten Punkt erwähnt, meine „kleinen“ Entscheidungen unabhängig vom Objekt meiner Anhaftung.

Bringen wir einerseits den Mut auf, die Anhaftung zu übergehen und unseren Weg zu beschreiten, und andererseits das Urvertrauen und den Gleichmut, unser Wollen/Nichtwollen loszulassen, vergeuden wir zumindest darin keine Energie mehr. Damit ist schon viel gewonnen.

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Nichts (mehr) zu verlieren

Der alte Song, den ich lange nicht mehr gehört hatte, ist mir heute plötzlich in den Sinn gekommen, nur der Refrain, genauer gesagt, nur eine Zeile:
Freedom ’s just another word for nothing left to lose…
(Freiheit ist nur ein anderes Wort für „nichts mehr zu verlieren haben“…)

Nichts zu verlieren… haben wir, wenn wir nichts besitzen. Es gibt in der Tat Menschen, die dem Besitz bewusst abschwören und sich dadurch frei fühlen.
Können wir uns denn nicht frei fühlen, solange wir noch Besitz haben? Es gibt dazu eine hübsche Geschichte aus dem alten Indien.

Shuka Deva, ein junger Mann, der auf dem spirituellen Pfad schon weit voran geschritten war, suchte einen Guru (spiritueller Lehrer), der ihn zur letzten Wahrheit leiten sollte. Sein Vater riet ihm, zu König Janaka zu gehen. Als Shuka Deva in den Palast kam, fand er den König auf einem prunkvollen goldenen Thron sitzend und eine Wasserpfeife rauchend, umringt von spärlich bekleideten Frauen mit grossen Fächern aus Palmblättern. Shuka Deva war schockiert und konnte sich nicht erklären, dass sein Vater ihm diesen weltlichen Mann als spirituellen Lehrer empfohlen hatte.
Er wollte den Palast gleich wieder verlassen, aber Janaka rief ihn zurück und bat ihn, bei ihm Platz zu nehmen, während er alle anderen wegschickte. Sie begannen ein tiefes Gespräch über Gott. Nach vier Stunden fühlte sich Shuka Deva langsam müde und hungrig, doch er wagte es nicht, das heilige Gespräch zu unterbrechen.
Nach weiteren Stunden kamen zwei Boten und riefen: „Majestät, die ganze Stadt ist in Flammen und sie haben schon den Palast erreicht! Flieht!“
Der König antwortete: „Ich bin gerade im göttlichem Gespräch mit meinem Freund. Geht und versucht, das Feuer zu löschen.“
Shuka Deva verstand die Haltung des Königs nicht, doch er versuchte ebenso ruhig zu bleiben. Nach einer Weile kamen die beiden Boten wieder: „Das Feuer dringt weiter vor, Eure Gemächer brennen lichterloh, bald ist es beim Thron angelangt! Wenn Ihr jetzt nicht flieht, werdet Ihr verbrennen!“
Der König antwortete: „Bringt ihr beide euch in Sicherheit. Ich fühle mich in den Armen des beschützenden Gottes viel zu sicher, um vor dem Feuer Angst zu haben.“
Die beiden Boten flohen. Die Flammen frassen sich bereits durch den Stapel Bücher, der neben Shuka Deva stand, und er verlor seine Beherrschung. Er sprang auf und versuchte seine wertvollen Bücher zu retten.
König Janaka lächelte. Er machte ein Handzeichen und auf wundersame Weise verschwand das Feuer. Er sagte zum jungen Mann: „Du hieltest mich für einen dem Weltlichen verhafteten Herrscher. Doch sieh dich an! Du hast den beschützenden Gott vergessen, um einen Stapel Bücher zu beschützen, während ich mich nicht um meinen brennenden Palast kümmerte. Gott hat dieses Wunder bewirkt, um dir zu zeigen, dass du, obwohl du dich ein Entsagender nennst, mehr an deinen Büchern hängst als an Gott – oder als ich an meinem Palast, obwohl ich im Prunk lebe anstatt in einer Einsiedelei.“

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Anhaftung und Loslassen

In der buddhistischen Lehre spielt die Anhaftung eine zentrale Rolle. Sie verursacht Leiden – das Nirwana, der radikale Ausweg aus dem Leiden, ist das Ziel des Buddhisten.
Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass alles vergänglich ist, jeder Gegenstand, jedes Lebewesen, aber auch jede Situation, jeder Zustand. Solange wir etwas Geliebtes besitzen, sind wir glücklich. Doch diesem Besitz wohnt die Möglichkeit, ja die Sicherheit inne, dass wir ihn irgendwann verlieren: Ein Gegenstand, an dem wir hängen, kommt uns abhanden oder geht kaputt, ein Mensch, den wir lieben, stirbt oder verlässt uns (oft empfinden wir ja schon kurzzeitige Trennungen als schmerzhaft). Auch haben wir alle schon erlebt, dass wir ein beglückendes Ereignis, beispielsweise der Besuch eines schönen Ortes oder eine angenehme Situation, wiederholen wollten, aber wie oft wurden wir dabei enttäuscht, weil es nicht mehr wie das erste Mal war!
Wir hängen an den Dingen, an den Menschen, an den Zuständen. Meistens sind wir nicht in der Lage, alles wie in einem Film zu betrachten, der ein, zwei Stunden dauert, zu Ende geht – und das wars! Er ist einfach fertig und wir leiden nicht deswegen. Im wirklichen Leben fällt uns das Loslassen enorm schwer; schon eine kleine Veränderung, die uns nicht passt, kann uns Traurigkeit und Schmerz verursachen.
Die Lösung kann nicht darin bestehen, überhaupt nichts mehr zu besitzen, keinen Menschen mehr zu lieben, keine Freude mehr an Schönem zu empfinden, da grundsätzlich nicht der Besitz und der Genuss das Leiden verursachen, sondern nur unsere Anhaftung daran.
Es gibt kein anderes Mittel gegen unsere Anhaftung, als das Loslassen ständig zu üben; ein grundlegender Gleichmut und das Vertrauen, dass alles, was uns geschieht, gut für uns ist und uns auf unserem Weg weiterführt, sind dabei die Eckpfeiler.
Mit den materiellen Dingen gelingt uns das schon bald ziemlich gut. Wir verlieren unser Halskettchen, das Portemonnaie mit viel Geld wird uns gestohlen, ein geschätzter Gegenstand geht kaputt: In diesen Fällen schaffen wir es meistens, den Verlust anzunehmen und den Dingen nicht nachzutrauern. Schon schwieriger ist es beim Davonlaufen der Katze oder dem Tod des Hundes. Und völlig frei von Leiden sind wir wohl nie, wenn ein geliebter Mensch von uns geht…

Ist ein Verlust bereits eingetreten, hindert der Schmerz uns daran, uns mit der Anhaftung auseinander zu setzen; dann sind wir nur noch damit beschäftigt, das Leiden zu verarbeiten. Die Schule gegen die Anhaftung sollte beginnen, wenn die Gegenstände oder Menschen noch bei uns sind: Solange wir sie „besitzen“, müssen wir lernen, uns an ihnen zu erfreuen, ohne an ihnen zu hängen und ohne ihren Verlust zu fürchten.
Sobald wir allerdings versuchen, innerlich, gefühlsmässig einen Menschen, der immer noch bei uns ist (den Partner, die Eltern, ein Kind), loszulassen und die Anhaftung abzubauen, meinen wir, eine gewisse Gleichgültigkeit und Leere zu empfinden, und es kommt uns vor, als liebten wir diesen Menschen nicht mehr. Unser Ego setzt nämlich Liebe mit Besitz gleich: Wenn es nicht mehr besitzen kann, so liebt es auch nicht mehr. In diesem Moment dürfen wir nicht aufgeben, nicht denken: „Besser mit Anhaftung lieben als gar nicht“. Es gilt diese Leere eine Weile auszuhalten: Wenn etwas wegfällt, entsteht ein Loch – nennen wir es lieber positiv „freier Raum“ –, der sich erst wieder füllen muss, was eine Zeitlang dauern mag. Gefüllt wird die von der egoischen Liebe hinterlassene Lücke mit der Liebe der Seele, dieser bedingungslosen Liebe, die nichts erwartet und nichts fordert – nicht besitzt, nicht anhaftet. Diesen freigewordenen Raum wieder zu besetzen ist zugegebenermassen ein langwieriges, hartes Stück Arbeit, das ständigen Übens in den Alltagssituationen bedarf: Die vermeintliche Gleichgültigkeit wird dabei in Fürsorge umgewandelt, die Distanz in Respekt – und langsam fühlen wir die wahre Liebe in uns wachsen.

Je früher wir mit den Bemühungen beginnen, die Anhaftung loszuwerden, desto eher sind wir dann bereit, wenn der geliebte Mensch uns verloren geht. Kommt es eines Tages zur Trennung – dazu kommt es unweigerlich, spätestens durch den Tod –, so werden wir dem Verlust vielleicht noch nicht völlig schmerzfrei, zumindest aber mit einem gewissen Mass an Gleichmut begegnen können.

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