Achtsamkeit und Nächstenliebe

Ein Mann verbrachte sein Leben in Tugend und bemühte sich immer, noch besser und weiser zu werden, damit ihm nach seinem Tod das Paradies offenstünde. Einen einzigen Makel hatte er: die Unachtsamkeit. Manchmal übersah er deshalb, wenn jemand Hilfe brauchte, oder verpasste eine Gelegenheit, eine neue Erkenntnis zu erlangen. Angesichts all seiner Tugenden meinte er, diese kleine Schwäche wiege nicht so schwer und Gott würde sie ihm be­stimmt verzeihen.
Als er nach einem erfüllten Leben starb, war er sich nach einer kurzen Gewissensprüfung sicher, ins Pa­radies eingelassen zu werden. Doch wie er dann an der Himmelspforte ankam, stellte er fest, dass sie geschlossen war. Während er sich noch darüber wunderte, hörte er eine Stim­me sagen: „Sei achtsam! Denn die Pforte öffnet sich ein einziges Mal alle hundert Jahre.“
So ließ er sich davor nieder und wartete geduldig; Geduld war nämlich eine der Tugenden, die er in seinem irdischen Leben er­worben hatte. Doch mit der Achtsamkeit hatte er seine liebe Mühe, gab es doch vor dem Paradies nichts zu sehen und zu hören, worauf er seine Aufmerksamkeit hätte richten können.
Nach einer Weile des Wartens, die ihm so lan­ge vorkam wie ein ganzes Jahrhundert, schloss er kurz die Augen. In dem Moment ging das Paradiestor auf – und noch bevor er die Au­gen wieder richtig geöffnet hat­te, schloss es sich erneut mit lautem Ge­töse.“

Mir scheint, in den letzten Jahren hat die Achtsamkeit stark nachgelassen, was teilweise bestimmt mit den allgegenwärtigen Handys zu tun hat. Die Menschen – und ich nehme mich da nicht aus, wenigstens hie und da – gehen auf der Strasse und sind mit ihrem Handy beschäftigt, sie nehmen den Verkehr nicht mehr wahr und begeben sich zuweilen sogar in Gefahr. Gerade heute habe ich gelesen, dass Honolulu (Hawaii) ein neues Gesetz verabschiedet hat, wonach man eine Geldstrafe bezahlen muss, wenn man beim Überqueren der Strasse auf das Handy schaut.

Spirituell gesehen, ist die Achtsamkeit eine wichtige Eigenschaft, ja eine unerlässliche auf unserem Weg zum Göttlichen. Wir sollen immer bei uns selbst sein, bei dem, was wir gerade tun, in der Gegenwart.
Das hat darüber hinaus auch einen ganz praktischen Nutzen für eine andere unerlässliche Eigenschaft: die Nächstenliebe, oder zumindest einmal den Respekt vor dem Nächsten. Sind wir achtsam, nehmen wir nämlich auch wahr, was um uns herum geschieht. Dann stehen wir etwa im Supermarkt nicht mehr im Weg, wenn jemand etwas aus einem Gestell nehmen möchte; wir bremsen mit dem Auto nicht mehr (fast) zu spät, wenn ein anderes Fahrzeug einmündet; auf dem schmalen Wanderweg machen wir Platz, wenn jemand uns überholen will. Zugegeben, das sind jetzt alles Beispiele aus meinem eigenen Leben, Situationen, die mir in letzter Zeit vermehrt aufgefallen sind. Ich dachte zuerst, es gehe um die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Menschen – doch das trifft meistens nicht zu, es handelt sich nur um mangelnde Achtsamkeit.

Ich verweise im Übrigen auf einen früheren Beitrag, bei dem es konkret darum geht, wie wir die Achtsamkeit üben können.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Einige Rezepte für höhere Achtsamkeit

Um aus jedem Ereignis und jeder Situation unseres Lebens den größten Profit zu ziehen, also zu lernen, müssen wir achtsam sein, den Alltag nicht wie Schlafwandler an uns vorbeiziehen lassen. Achtsamkeit ist eines der Glieder des Achtfachen Pfades im Buddhismus und umfasst die Achtsamkeit für die Körperfunktionen, die Sinnesreize, die Emotionen und die Gedanken. Wir sollen sie be­wusst wahrnehmen, was be­dingt und uns dazu zwingt, in der Gegenwart zu leben.
Achtsam sein bedeutet in erster Linie, wachsam zu sein, wie wir es bei einer drohenden Gefahr täten, beispielsweise wenn wir nachts durch eine dunkle, menschenleere Straße gehen und alle unsere Sinne in Alarmbereitschaft stehen, um das leiseste Geräusch, jeden flüchtigen Schatten wahrzunehmen. Oder, mit einem positiveren Beispiel erläutert, so wachsam und konzentriert wie wir in einer Schulstunde den Worten und Handlungen des Lehrers folgen, um zu lernen und gegebenenfalls richtig zu reagieren: eine wichtige Aussage aufschreiben, eine Aufgabe lösen, eine Frage stellen, …
Andernfalls handeln wir eben wie Schlafwandler, die blind und unbewusst durch Räume ziehen, ohne wahrzunehmen, was sich darin befindet und ereignet.
Erst durch die Achtsamkeit, die es uns erlaubt, eine Si­tuation in ihrer Ganzheitlichkeit und Unmittelbarkeit zu erkennen, können wir überhaupt angemessen darauf reagieren, also willentlich, aus unserer Seele – im Gegensatz zur Steuerung aus dem Unbewussten, etwa durch Triebe und Verhaltensmuster, oder aus dem Ego.

Achtsamkeit ist Übungssache. Nur indem wir die Ge­dan­ken immer wieder am Umherschweifen hindern, sie in die Gegenwart zurückholen, wird Achtsamkeit eines Tages zur Gewohnheit. Das dauert lange, viele Jahre, und er­for­dert ein hohes Maß an Willenskraft und Selbstkontrolle.
Neben der bekannten Methode, in Gedanken immer ganz bei der Tätigkeit zu sein, die wir gerade ausüben, gibt es weitere hilfreiche Übungen, von denen wir zu­mindest die erste leicht in den Alltag integrieren können:
• Bei einem Gespräch neigen wir dazu, noch während un­ser Gegenüber redet, bereits in Gedanken unsere Antwort zu formulieren oder zumindest über Argumente nachzudenken. Das sollten wir unterbinden, indem wir uns völlig da­­rauf konzentrieren, was der Gesprächspartner sagt, Wort für Wort in uns aufnehmen und uns ernsthaft bemühen, dabei nicht zu denken, sondern hinzuhören. Nur dann nehmen wir auch wahr, was er nicht sagt.
• Schweifen die Gedanken in unserem Kopf umher, versuchen wir, sie zu beobachten. Dies mit Worten zu erklären, ist schwierig: Wir sind gewissermaßen zweigeteilt, ein Teil denkt, der andere Teil beobachtet dieses Denken, als handelte es sich dabei um eine andere Person, und lässt es vorbeiziehen, ohne es festzuhalten.
• Auch können wir zuschauen, wie die Gedanken, bevor sie in unserem Kopf sind, von außen in uns hereinkommen. Wahrscheinlich werden wir das nicht auf Anhieb schaffen, doch es ist eine lohnende Übung. Gelingt es uns nämlich, Gedanken als nicht zu uns gehörend zu betrachten, als Eindringlinge, die von außen (aus dem Äther, einer anderen Di­mension oder woher auch immer) in uns strömen, können wir sie stoppen, bevor sie eintreffen, sie draußen lassen. Diese Möglichkeit ist uns natürlich verwehrt, be­trachten wir sie als eigene Geschöpfe, die in uns entstehen und uns eigen sind.

Achtsamkeit ist anstrengend, eine Fulltime-Beschäftigung gewissermaßen. Deshalb empfehle ich, von Zeit zu Zeit einen „Tag der Achtsamkeit“ einzulegen, an dem wir uns tatsächlich von morgens bis abends konzentriert und konsequent darum bemühen. Danach uns aber wieder einige „unachtsame“ Tage zu gönnen, sonst werden wir der Achtsamkeit schnell überdrüssig und geben sie ganz auf.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Kapitel 6 meines Buches „Alltägliches Handeln im spirituellen Geist“ (Band 2 der Sonnwandeln-Reihe).

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Schönreden und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst

Euphemismen* kennen wir vor allem aus Politik und Wirtschaft; sie werden verwendet, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Man spricht beispielsweise von „Kollateralschaden“ eines kriegerischen Angriffs – und meint zivile Opfer. Oder, noch schlimmer, von „ethnischer Säuberung“ für Völkermord. Man sagt „Minuswachstum“ für Rezession oder „negativer Gewinnbeitrag“ für Verlust und „Nachrichtendienst“ für Spionage.
Aber auch im alltäglichen Leben gehören solche Beschönigungen zum normalen Sprachgebrauch: einschlafen statt sterben, beleibt statt dick, Allerwertester für Po. Die meisten Euphemismen sind schon lange so gängig, dass wir uns der Rosafärbung gar nicht mehr bewusst sind.

Neulich sagte mir ein Bekannter, dessen dritte Ehe gerade in die Brüche gegangen war, er sei wohl „beziehungsunfähig“. Ich bezweifle es allerdings, ich betrachte dieses psychologische Modewort in seinem Fall als Euphemismus. In meinen Augen ist er schlicht zu egoistisch: Er hat immer sein eigenes Süppchen gekocht (um einen weiteren Euphemismus zu verwenden). Seine vielen Hobbies, neben dem anspruchsvollen Beruf, liessen ihm kaum je Zeit, sich tiefer auf seine Frauen einzulassen, geschweige denn die Partnerbeziehung zu pflegen. Ich habe ihn vorsichtig darauf angesprochen, doch er hat abwehrend reagiert.

Wie gerne reden wir uns doch unsere eigenen Unzulänglichkeiten schön! In meinen Büchern und Schriften weise ich immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, ehrlich zu uns selbst zu sein, wollen wir uns ändern, innerlich wachsen, bessere – und damit glücklichere – Menschen werden.
Wir müssen achtsam sein, uns objektiv anschauen, so objektiv als beträfe es einen anderen Menschen. Dabei jedoch unbedingt vermeiden, uns für unsere Unzulänglichkeiten zu verurteilen, uns für Versager zu halten, an uns zu zweifeln und uns selbst dafür zu bestrafen. Und es darf keinesfalls unser Selbstwertgefühl tangieren: Egal wie wir sind, egal was wir tun, wir sind immer wertvoll als menschliche Wesen, als göttliche Seelen. Aber wir sind nicht vollkommen, das dürfen wir uns eingestehen – und daran arbeiten, es irgendwann zu sein, das ist unsere Aufgabe in der Lebensschule.

* aus dem Griechischen: eu = schön, phemein = reden, sagen

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Durchs Leben wandern

Die Formulierung „durch das Leben wandern“ verwende ich gerne, nicht nur, weil ich in meiner Freizeit oft lange Wanderungen unternehme. Vielmehr weil eine Wanderung uns dazu dienen kann, Einsichten über unsere aktuelle Lebenssituation zu gewinnen oder uns allgemeine Erkenntnisse zum Leben schenkt. Ja, wir können eine Wanderung ganz bewusst zu diesem Zweck unternehmen. Wir brauchen dann nur die Symbole zu deuten, die uns unterwegs begegnen. Ich erzähle euch von meiner gestrigen Wanderung, dann erkennt ihr sofort, was ich damit meine.

Es war ein sonniger und milder Herbsttag. Ich machte mich auf zu einer Wanderung, deren ersten Teil ich gut kannte, während ich die zweite Hälfte der Strecke noch nie gegangen war. Und von diesem zweiten Teil berichte ich.

Nach dem Aufstieg an der Sonne mit einer fantastischen Sicht auf die schon leicht verschneiten Berge ging es abwärts ins andere Tal. Ich hatte mir bewusst eine Tour ausgesucht, die nur über Wanderwege und nicht über alpine Wege führte, weil ich nicht auf jeden Schritt achten, sondern die Aussicht geniessen wollte.
Ein netter Wunsch, den wir wohl alle haben: ein leichter Lebensweg mit nur Schönem rechts und links. Bis vor knapp vier Jahren war mein Leben der letzten Jahrzehnte tatsächlich sehr sonnig verlaufen, wenn auch nicht immer ohne Anstrengung.

Der Weg war schön breit, etwa drei Meter, und gut zu begehen, bis ich an eine Gabelung kam. Das gelbe Wanderwegzeichen führte hinunter in den Wald und ich sah, dass der Weg schmaler, steiler und ziemlich matschig wurde.
In die andere Richtung verlief „mein“ schöner breiter Weg – nur zeigte leider kein Wegweiser in diese Richtung und ich hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.
Ich nahm an – oder hoffte –, dass der richtige Wanderweg irgendwann wieder auf diesen schöneren Weg führen würde. Und blieb auf dem unmarkierten schönen Weg. Mir war allerdings bewusst, dass ich vielleicht würde umkehren müssen – doch ich bin beim Wandern sehr ausdauernd, auch sechs, sieben Stunden Marsch machen mir nichts aus. Deshalb erschreckte mich der Gedanke eines Umwegs nichts.
Wir entscheiden uns oft für den Weg, der uns leichter scheint. Obwohl äussere Anzeichen dafür sprechen, dass ein anderer Weg sicher richtig wäre, gehen wir den unsicheren. Allerdings dürfen wir auch immer darauf vertrauen, dass es keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen, und wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Und dass das Göttliche uns nie mehr auferlegt, als wir zu tragen vermögen.

Nach einer gefühlten knappen halben Stunde, immer leicht abwärts, angenehm, endete der Weg bei einer in dieser Jahrezeit bereits unbewohnten Alphütte. Es gab keine Möglichkeit, von da weiter zu wandern. Ich musste zurück zur Weggabelung, aber es machte mir nichts aus. Ich setzte mich kurz auf die Bank vor der Hütte und ass ein paar süsse Weintrauben, die ich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Der leichte Weg, den wir wider besseres Wissen gehen, führt oft in eine Sackgasse. Wenn wir das erkennen, dürfen wir uns keine Selbstvorwürfe machen, sondern sollten uns kurz besinnen, uns stärken, und uns dann wieder auf den richtigen Weg begeben.
Erstaunlicherweise erreichte ich die Weggabelung viel schneller, als ich angenommen hatte – oder der Weg zurück kam mir nicht so beschwerlich vor.
Einzig unsere Bewertung macht es aus, wie wir eine Situation empfinden, objektiv gibt es nicht Gutes und nichts Schlechtes. Gehen wir eine noch so schwierige Lage mit Gleichmut an, so ist sie viel leichter zu ertragen.
Ich fügte mich also in mein Schicksal und ging den steilen, matschigen Weg hinunter ins Tal. Der Wald war ziemlich dicht, kein Sonnenstrahl kam durch und je weiter nach unten ich kam, desto kühler wurde es – es war die Schattenseite des Berges. Ich trug ein Kurzarm-T-Shirt und Wandersandalen ohne Socken; natürlich hatte ich noch eine Jacke dabei, aber ich hoffte, ich würde bald aus dem Wald herauskommen und die Sonne mich dann wieder wärmen. Doch der Wald hörte und hörte nicht auf, der Weg war stellenweise sehr matschig, ich musste langsam und vorsichtig gehen. Aber meistens kam ich trotzdem gut am Matsch vorbei, ganz am Rand oder weil trockenes Herbstlaub dick über dem Matsch lag. Meistens, doch nicht immer. Meine Füsse waren schon ganz braun vor lauter Schlamm, meine Hosenbeine verspritzt.
Diese Wegstrecke interpretiere ich als meine Lebenssituation der letzten knapp vier Jahre. Etwas dunkel, steil, nicht wirklich gefährlich, aber mit Achtsamkeit und Vorsicht anzugehen. Allerdings auch immer wieder eine Hilfe, ein leichteres Stückchen Weg, und über alles gesehen, doch durch eine schöne Landschaft. Und die unschönen Äusserlichkeiten sollten wir später so leicht wegwischen wie man schmutzige Füsse und Hosen wäscht!
Als sich der Wald ein klein wenig lichtete und ich weiter talwärts blicken konnte – Nebel! Wenn ich beim Wandern etwas nicht mag, dann ist es Nebel. Man verliert schnell die Orientierung, übersieht Wegzeichen. In dem Moment kam ein Hauch von Missmut über mich: So sehr hatte ich gehofft, bald wieder an der Sonne zu sein, und jetzt auch noch das! Bei dieser Wetterlage ist bei uns Nebel in den Bergtälern nichts Aussergewöhnliches, aber ich hatte mir vor meiner Wanderung die Webcams im Internet angeschaut, und nur Sonne gesehen.
Wie ich weiterging, merkte ich, dass der Nebel sich etwa in meinem gleichen Gehtempo hinunter zurückzog.
Was machen wir uns doch immer unnötig Sorgen über Künftiges! Selbst wenn wir weiter vor uns Schwierigkeiten sehen oder vermuten – wer sagt uns denn, dass wir tatsächlich auf sie treffen? Eine ganz wichtige Lebenslektion: Mit Urvertrauen weiter gehen und uns mit den Herausforderungen dann auseinandersetzen, wenn sie wirklich da sind.
Endlich wurde der Weg flacher und breiter, mündete in eine asphaltierte Strasse, bald war der Wald fertig, der Nebel verschwunden und in der Ferne sah ich eine sanfte Hügellandschaft in der Sonne. Ich beschleunigte meinen Schritt, meine Füsse waren inzwischen sehr kalt, auf der schattigen Wiese am Waldrand lag Raureif.
Beinahe wäre ich auf dem unscheinbaren Glatteisfilm auf der Strasse ausgerutscht, ich konnte einen Sturz gerade noch akrobatisch abwenden.
Es ist befreiend, wenn wir nach einer dunklen Zeit am Horizont wieder die Sonne sehen. Manchmal haben wir es jedoch zu eilig, aus einer unangenehmen Lage herauszukommen und werden unvorsichtig. Diese Erkenntnis traf mich gestern bei meinem Ausrutscher wie ein Blitz! Ich sagte mir: „Karin, geh langsam voran, überstürze nichts, sieht es auch noch so vielversprechend aus, lass dem Göttlichen die Zeit, für dich das Beste zu wirken, reiss die Zügel nicht an dich…“ Und eine Woge der Dankbarkeit und Zuversicht durchströmte mich.
Schliesslich, endlich!, war ich wieder an der Sonne, die Strasse schlängelte sich sanft hinunter zum Dorf, noch eine Dreiviertelstunde verriet mir der Wegweiser. Und rot leuchtete etwas weiter unten eine Bank am Wegrand – dort wollte ich eine Weile rasten, etwas essen und trinken und ausruhen, bevor ich dann auf mein Ziel zusteuerte.
Lassen wir uns Zeit, der Weg ist das Ziel. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg zu geniessen und vor allem daraus zu lernen.

Viele Male habe ich schon eine Wanderung unternommen, mit der bewussten Absicht, aus den Symbolen Antworten zu finden. Und jedes Mal habe ich wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.
Ich kann euch empfehlen, wenn ihr einmal Fragen an eure Lebenssituation habt, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst oder Einsichten sucht: geht wandern! Es darf durchaus auch ein Spaziergang sein, Hauptsache ihr geht allein und hinaus in die Natur. Wählt eine Route, die ihr nicht kennt, es ist dann einfacher, sie unvoreingenommen zu begehen. Seid wachsam für alles, was euch auf dem Weg begegnet, spürt, was es in euch auslöst, folgt den spontanten Assoziationen, die in euch aufkommen, nehmt die Einsichten und Erkenntnisse in euch auf.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen eine frohe Wanderung durchs Leben!

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Bis zum letzten Rest

Meine Mutter ist im Krieg aufgewachsen, in der Schweiz zwar, die am Kriegsgeschehen nicht beteiligt war, doch die Lebensmittel waren auch bei uns rationiert. Sie hat mir immer wieder erzählt, dass sie mit einem Ei pro Monat, mit x Gramm Butter und so weiter auskommen mussten.

Das hat sie geprägt, wie viele Menschen, die jene Zeit miterlebt haben. Sie ging mit Esswaren immer sorgfältig um, warf nie etwas weg. Manchmal hat sie mich sogar ein bisschen genervt, wenn sie die Pfanne mit dem Kartoffelstock ausschabte, bis kein Krümelchen mehr darin war, die Pfanne der Tomatensosse noch mit einem Stückchen Brot ausputzte, bevor sie sich endlich auch an den Tisch setzte und wir essen konnten.

Bei vielen Menschen kann man hingegen beobachten, dass sie ihren Teller nicht „sauber“ aufessen, einige Streifchen Karottensalat, die letzten Reiskörner, einen Klecks Vanillecreme liegen lassen.
Seit vielen Jahren mache ich das nicht mehr, ich picke auch das letzte Reiskorn auf, ist es noch so mühsam. Nicht weil ich keine Lebensmittel verschwenden will, damit es weniger Hunger auf der Welt gibt; daran ändert sich dadurch nichts.
Sondern aus dem Gedanken des Karma Yoga, immer alles so gut wie möglich zu tun. Was gibt es denn objektiv für einen Grund, etwas – und sei es noch so wenig – auf dem Teller zu lassen? Ist es nicht etwa reine Faulheit? Oder Achtlosigkeit? Nachlässigkeit? Mangelnde Wertschätzung für das Geringe?
Was es auch immer ist: Es widerspricht dem Grundprinzip des Karma Yoga. Und wohl jeder spirituellen Richtung.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Achtsamkeit

In anspruchsvollen Lebenssituationen, die wir alle ja von Zeit zu Zeit durchlaufen, sind wir intensiv damit beschäftigt, die jeweilige Situation zu bewältigen und die Lehren daraus zu ziehen.

In den Zeiten, in denen es uns gut geht, alles „normal“ läuft hingegen… ja, natürlich dürfen wir da auch ausspannen und das Leben geniessen! Die Herausforderungen kommen schliesslich schneller als erwünscht zurück.
Dennoch sind das die Zeiten, um in Ruhe und Gelassenheit an unseren kleineren und grösseren „Untugenden“ zu arbeiten, wie mangelnde Selbstliebe (zugegeben, ein Lebensprojekt!), schwaches Urvertrauen und, konkreter, beispielsweise an bestimmten Verhaltensmustern und Gewohnheiten, einzelnen Ängsten, Anhaftung und Achtsamkeit.

Ich beschäftige mich momentan mit der Achtsamkeit, weil mir in letzter Zeit vermehrt aufgefallen ist, wie oft ich in die Küche gehe, um… und wenn ich da angekommen bin, nicht mehr weiss, was ich da wollte, weil ich mit meinen Gedanken schon wieder anderswo bin; dass ich beim Zähneputzen nicht mehr weiss, ob ich unten (oder oben) schon geputzt habe; auch weil ich einige schlechte Gewohnheiten in diesem Zusammenhang loswerden will, wie vor dem Computer essen, anstatt mich ganz aufs Essen zu konzentrieren. Und ganz allgemein, weil ich in der Gegenwart leben und nicht mit meinen Gedanken ständig ausserhalb der Sekunde, in der ich mich gerade befinde, weilen will.
Keine einfache Aufgabe. Und anstrengend!!!

Wenn ihr gerade nicht wisst, woran arbeiten, versucht es auch einmal. Immer ganz im Augenblick zu sein, ganz konzentriert auf das, was ihr gerade tut, mit voller Hingabe. Erlaubt euren Gedanken nicht abzuschweifen, es existiert keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur der Moment. Und wenn ihr es schafft, diesen Zustand zehn Minuten am Stück durchzuhalten lasst es mich wissen – und verratet mir bitte bitte euren Trick :mrgreen:

Dazu noch eine hübsche Zen-Geschichte.

Ein Mann fragte einmal einen alten Zen-Meister: „Wie machst du das, dass du immer so glücklich bist?“
Der Zen-Meister antwortete: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich.“
Der Mann schaute ihn verständnislos an: „Das tue ich doch auch! Dennoch bin ich nicht glücklich.“
„Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich“, wiederholte der Weise.
Nun kam Verärgerung im Mann auf und er konnte sie nicht verbergen. „Du machst dich über mich lustig!“, rief er empört.
Milde lächelnd gab der Meister die Erklärung: „Gewiss liegst du, gehst, isst und arbeitest. Doch während du liegst, überlegst du, wohin du danach gehen wirst, und während du gehst, fragst du dich, was du essen wirst und beim Essen denkst du über deine nächste Arbeit nach. Deine Gedanken sind ständig woanders und nicht da, wo du gerade bist. Das Leben findet aber in diesem Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft statt; wenn du dich ganz darauf einlässt, kannst du glücklich werden.“

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus