Die Suche nach der eigenen Lebensaufgabe

Wie finden wir die sinnvolle weltliche Aufgabe, die unserer Seele entspricht? Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, auch von Menschen, die sich bewusst sind, dass der Sinn unseres irdischen Daseins darin liegt, uns innerlich zu entwickeln und die Gottesverwirklichung/Erleuchtung zu erlangen. In der Tat machen sich gerade Menschen, die an ein spirituelles Ziel des Lebens glauben, besonders viele Gedanken da­rüber, wie sie im gewöhnlichen Alltag sinnvoll leben können. Schliesslich findet das Leben hier auf der Erde statt und hier sollten wir mit beiden Füssen fest stehen.
Ich selbst war viele Jahre lang mit meiner weltlichen be­ruflichen Tätigkeit unzufrieden, hielt sie für unnütz und wünschte mir, etwas Sinnvolles tun zu dürfen. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, dass mein einziges Ziel – meine innere Entwicklung – nicht davon abhängt, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Im Gegenteil, später sah ich ein, dass sich mir gerade in meiner unbefriedigenden be­ruflichen Umgebung ausgezeichnete Möglichkeiten geboten hatten, zu lernen und zu wachsen. Ich habe sie oft nicht genutzt.

Innerlich wachsen können wir also bei jeder Aufgabe. Und das Göttliche führt uns ohnehin an die Herausforderungen heran, die für uns nützlich sind. Einige allgemeine Hinweise zum Erkennen der geeigneten weltlichen Aufgabe will ich dennoch geben.
• Wir sollten uns von allen uns auferlegten gesellschaftlichen Vorstellungen lösen, wie: Es ist wichtig, eine gute Ausbildung und einen sicheren Job zu haben; man sollte etwas Sinnvolles tun, was der Allgemeinheit nützt; man muss eine Familie mit Kindern gründen; kulturelle Interessen, aktive Freizeitgestaltung, soziale Kontakte sind unerlässlich.
• Die Dinge und Tätigkeiten, zu denen wir uns als kleine Kinder (bis etwa zum Kindergartenalter) besonders hingezogen fühlten, gehören wahrscheinlich zu unserem wahren Wesen. Damals lebten wir nämlich noch mehr aus unserer Seele als aus dem Ego und waren von der Umgebung noch nicht allzu stark beeinflusst.
• Hingegen müssen wir sorgfältig prüfen, ob das, was uns vermeintlich interessiert oder was wir gerne machen oder nicht mögen, tatsächlich zu unserem wahren We­sen gehört und nicht etwa aus der Nachahmung von Vorbildern und der Be­einflussung durch Bezugspersonen stammt. Manches über­nehmen wir nämlich von aussen und speichern es in un­serem Unbewussten, von wo es dann Be­rufswahl, Wohnort und -form, Partnerschaft, Familie und mehr prägt. Eine Zeit lang meinen wir dann vielleicht, damit recht glücklich zu werden, besonders wenn wir dabei auch einigermassen erfolgreich sind. Doch oft tritt eines Tages, bevorzugt während Lebenskrisen (Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes und andere), eine unbestimmte Unzufriedenheit auf oder die Frage nach dem, „was ich wirklich will“, ein leiser Wunsch nach Veränderung oder gar ein deutlicher nach einer bestimmten Tätigkeit oder Lebensform.
• Spirituell gesehen gibt es weder sinnvolle noch sinnlose Aufgaben. Deshalb dürfen wir uns ruhig den Dingen und Tätigkeiten zuwenden, von denen wir uns angezogen fühlen, die unser Herz erwärmen, die uns echte Freude schenken – mehr als die Befriedigung, die aus der Anerkennung unserer Mitmenschen entsteht, als das Selbstwert­gefühl, das daraus erwächst, dass wir etwas leis­ten, Gutes tun, erfolgreich sind.
• Auch gibt es weder gute noch schlechte Aufgaben, sondern nur jene, die uns weiterführen, und andere, die un­sere innere Entwicklung hemmen. Auf dieser Weltbühne scheint das Göttliche zu­dem die Vielfalt anzustreben und alles Denkbare zu manifestieren. Somit hat alles seine Berechtigung und seinen Platz. Es kann nicht nur Könige und Helden geben – auch wenn wir das gerne wären! –, es braucht ebenso Bettler und Feiglinge, um das kosmische Schauspiel zu inszenieren.
• Manchmal werden uns Aufgaben auf unseren Weg ge­stellt, sie fallen uns gewissermassen zu oder wir werden in sie getrieben. Es ist nicht immer das, was unser Ego möch­te, denn für unsere innere Entwicklung lernen wir wohl mehr, wenn wir nicht das tun, was wir ohnehin schon gut können und uns Spass macht. Um Gleichmut zu üben, kann eine langweilige, un­befriedigende Beschäftigung besser ge­eignet sein; um das Urvertrauen zu stärken, eine schwieri­ge Aufgabe, die uns beinahe überfordert.

Abschliessend will ich noch festhalten:
• Unsere innere Entwicklung ist ständig im Fluss. Wenn das Leben die Schule für unser Bewusstsein ist und unserer inneren Entwicklung dient, scheint es durchaus plausibel, dass wir unserer Wandlung entsprechend immer wieder andere Aufgaben übernehmen möchten/müssen.
• Da wir stets in der Gegenwart leben sollten, im Augenblick, besteht die jeweilige Aufgabe im Kleinen jedenfalls immer darin, das zu tun, was gerade ansteht.
• Vielleicht wird die Frage oder die Suche nach der eigenen Aufgabe im irdischen Leben überbewertet; möglicherweise ist dies eine rein menschliche Vorstellung, wahrscheinlich ist der göttliche Plan viel offener, flexibler…

Dieser Text stammt teilweise aus meinem Buch „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“.

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