Der sonnige Lebensweg

Talmulde mit SchneeDu bist unterwegs auf einem be­reichernden, spannenden Weg durchs Leben. Es gibt die Schattenseite, gewiss, aber es gibt auch einen sonnigen Pfad!

Selbst wenn derzeit Schwierig­keiten, Hindernisse, Herausforderungen dich noch belasten – sieh dort drüben, dort ist dein eigener son­nen­beschienener Weg, unberührt, und er wartet nur auf deine Schritte!

Du wirst ihn erreichen, gib niemals auf, dann wird dein Leben leicht und voller Freude. Das ist das göttliche Versprechen an alle Men­schen­­: Jeder, der es ehrlich will und sich bemüht, wird zum Ziel ge­lan­gen.

Verzweifle nicht, denke nicht: „Ich fühle mich schlecht, schwach, am Ende meiner Kräfte, ich schaffe es nicht mehr, ich werde es nie schaffen…“ Geh aufrecht durch alle Schatten, was hast du schon zu verlieren? Deine Ängste wirst du verlieren! Deine Abhängigkeit wirst du ver­lieren! Und das Vertrauen in dich selbst wirst du finden, die Zuversicht in die göttliche Vorsehung.

Sieh, auf dem sonnenbeschienenen Pfad wartet ein neues Leben auf dich. Wandere weiter, mutig, zuversichtlich, du kannst nicht verlieren, nur gewinnen.

(Aus meinem Buch: Der Sinn des Lebens und die Lebensschule)

Der Beweis für die Wiedergeburt

Amaryllis Oder: Die Auferstehungsgeschichte – passend zur Osterzeit
(für einmal ein nicht ganz ernst zu nehmender Text)

Meine Mutter (Frieden ihrer Seele) bekam vor etwa 15 Jahren eine Amaryllis geschenkt. Als sie verblüht war, sagte ihr eine Freundin, sie solle sie den Sommer über einfach an einen schattigen Platz im Freien stellen und sich bis zum Herbst nicht mehr darum kümmern, sie dann in einen hellen, aber kühlen Raum bringen und dort lassen, bis sich der Stängel zeigt – dann dürfe sie zum Blühen in die warme Wohnung.
Meiner Mutter, die nicht über einen kühlen Raum verfügte, war das zu kompliziert und sie hätte die Pflanze weggeworfen; da ich kein Lebenwesen einfach „entsorgen“ kann, habe ich die Amaryllis zu mir genommen und bin mit ihr seither genau so verfahren wie angegeben.
Jahr für Jahr hat sie mir im Frühjahr eine wunderschöne Blume geschenkt!

Vor ein paar Jahren kaufte sich mein Freund ebenfalls eine Amaryllis für seine Wohnung. Er nannte sie Marillina. Nachdem sie verblüht war, ging er offenbar nicht richtig mit ihr um, denn sie überlebte den nächsten Winter nicht.
Als ich meine eigene Amaryllis, die ich inzwischen Marillino getauft hatte, im Frühjahr aus dem Wintergarten holen wollte, stellte ich erstaunt fest, dass sie nicht mehr allein war: Neben der grossen Knolle war eine zweite, kleinere, aus der zaghaft zwei grüne Blätter sprossen! Und schon bald schaute auch ein Blütenstängel heraus. So ist also Marillina bei mir wiedergeboren und endlich mit Marillino vereint.

Se non è vero, è ben trovato, wie man Italien sagt: Wenn es nicht wahr ist, so ist es gut erfunden 🙂

Schönreden und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst

Euphemismen* kennen wir vor allem aus Politik und Wirtschaft; sie werden verwendet, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Man spricht beispielsweise von „Kollateralschaden“ eines kriegerischen Angriffs – und meint zivile Opfer. Oder, noch schlimmer, von „ethnischer Säuberung“ für Völkermord. Man sagt „Minuswachstum“ für Rezession oder „negativer Gewinnbeitrag“ für Verlust und „Nachrichtendienst“ für Spionage.
Aber auch im alltäglichen Leben gehören solche Beschönigungen zum normalen Sprachgebrauch: einschlafen statt sterben, beleibt statt dick, Allerwertester für Po. Die meisten Euphemismen sind schon lange so gängig, dass wir uns der Rosafärbung gar nicht mehr bewusst sind.

Neulich sagte mir ein Bekannter, dessen dritte Ehe gerade in die Brüche gegangen war, er sei wohl „beziehungsunfähig“. Ich bezweifle es allerdings, ich betrachte dieses psychologische Modewort in seinem Fall als Euphemismus. In meinen Augen ist er schlicht zu egoistisch: Er hat immer sein eigenes Süppchen gekocht (um einen weiteren Euphemismus zu verwenden). Seine vielen Hobbies, neben dem anspruchsvollen Beruf, liessen ihm kaum je Zeit, sich tiefer auf seine Frauen einzulassen, geschweige denn die Partnerbeziehung zu pflegen. Ich habe ihn vorsichtig darauf angesprochen, doch er hat abwehrend reagiert.

Wie gerne reden wir uns doch unsere eigenen Unzulänglichkeiten schön! In meinen Büchern und Schriften weise ich immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, ehrlich zu uns selbst zu sein, wollen wir uns ändern, innerlich wachsen, bessere – und damit glücklichere – Menschen werden.
Wir müssen achtsam sein, uns objektiv anschauen, so objektiv als beträfe es einen anderen Menschen. Dabei jedoch unbedingt vermeiden, uns für unsere Unzulänglichkeiten zu verurteilen, uns für Versager zu halten, an uns zu zweifeln und uns selbst dafür zu bestrafen. Und es darf keinesfalls unser Selbstwertgefühl tangieren: Egal wie wir sind, egal was wir tun, wir sind immer wertvoll als menschliche Wesen, als göttliche Seelen. Aber wir sind nicht vollkommen, das dürfen wir uns eingestehen – und daran arbeiten, es irgendwann zu sein, das ist unsere Aufgabe in der Lebensschule.

* aus dem Griechischen: eu = schön, phemein = reden, sagen

Die Welt als Illusion?

Optische Täuschungen haben mich seit jeher fasziniert, und in den letzten Wochen hatte ich anlässlich eines Vorlesungszyklus über unsere Wahrnehmung die Gelegenheit, einige zu sehen (ihr findet zwei Beispiele im Text auf meiner Selbstliebe-Website).
Ist die Welt tatsächlich so, wie wir sie sehen? Gibt es überhaupt eine objektive Realität? Farben etwa sind ja nichts anderes als elektromagnetische Wellen verschiedener Länge – wer kann sagen, ob das, was ich als rot sehe, von jedem Menschen gleich gesehen wird? Dass beispielsweise Insekten Farben anders sehen, auch einen anderen Bereich des Farbspektrums, wissen wir.

Es ist unser Gehirn, das aus allen Sinnesreizen gewissermassen eine individuelle Abbildung herstellt, wobei es die Wirklichkeit nach den bereits gemachten eigenen Erfahrungen interpretiert: Haben wir beispielsweise in unserem Leben schon öfters Vögel am Himmel gesehen, aber noch nie etwas von Flugzeugen gehört, so werden wir das kleine Ding, das wir weit, weit oben sehen, als Vogel erkennen.
Zudem ist unsere Wahrnehmung selektiv, je nach unseren gegenwärtigen Bedürfnissen und Motivation: Wenn wir etwa hungrig sind, während wir eine Strasse entlang gehen, sehen wir jedes Restaurant und jeden Lebensmittelladen, hingegen beachten wir Schmuckgeschäfte kaum. Es gibt ein nettes Experiment, das ihr selber machen könnt, um zu erkennen, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Im Hinduismus spricht man auch davon, dass die ganze erfahrbare Manifestation des Göttlichen, die wir Schöpfung nennen, nichts als eine Illusion sei (Sanskrit: Maya). Es gibt nur eines, das Göttliche (Sanskrit: Brahman). Allerdings sind wir uns dessen nicht bewusst, und der Sinn des Lebens ist das „Erwachen“ und Erkennen der Wahrheit.

Legt die Vorstellung, die Welt sei eine Illusion, also nahe, uns von ihr zurückzuziehen und ausschliesslich die „Wirklichkeit“ zu suchen?
Alles hängt von unserer Definition von Illusion ab. Verstehen wir darunter, dass das Leben wie ein Traum ist, zeitweise ein Albtraum, so ist die logische Konsequenz, dass wir aufwachen und in die paradiesische Wirklichkeit zurückkehren wollen. Das ist der Weg des Buddha, in einem Satz zusammengefasst: Alles Leben ist Leiden, weshalb wir die Illusion unseres Ego und den Kreislauf der irdischen Wieder­geburten aufheben und ins Nirwana gelangen müssen.

Unter Illusion können wir jedoch auch Folgendes verstehen: Es gibt ein Gött­liches, das sich in der Materie, in allem Existierenden und somit auch in uns Menschen entfaltet hat (beim Urknall im naturwissenschaftlichen Sinn, beim Schöpfungsakt im religiösen Sinn); die Welt, das Universum und alle Ereignisse in Raum und Zeit sind absolut wirklich – unsere Illusion liegt darin, dass wir uns als vom Göttlichen getrennt wähnen, wir haben sozusagen „vergessen“, dass wir ein Teil des Göttlichen sind.
Anders ausgedrückt: Alles ist Eins, es gibt nichts ausser dem Göttlichen. Die Schöpfung ist das Spiel des Göttlichen mit sich selbst. Unser Ziel ist dann, uns dieser Einheit wieder bewusst zu werden – trotz oder gerade durch unser Wirken in dieser Welt. Betrachten wir alles, die ganze Schöpfung, als einen Teil des Göttlichen und nicht getrennt von uns selbst, so ist die logische Konsequenz, dass wir uns an der Welt erfreuen und auch an unserem Weg durch die „Lebensschule“, die der Wiederentdeckung unserer wahren Identität dient, mit all dem Schönen, das uns geschenkt wird, und all den Prüfungen und Stolpersteinen.
Dabei ändern wir uns selbst in dieser Welt und dadurch ver­ändern wir auch die Welt: Ich als Individuum bin zwar nur ein winzig kleiner Teil davon, doch wenn ich bewusster werde, wird die Welt als Ganzes ein klein wenig bewusster – mit jeder Blüte, die sich an einem Strauch öffnet, verschönert sich der ganze Strauch…

Tun um des Tuns willen

„Das ist der Schädel eines der städtischen Einhörner, nicht wahr?“, frage ich sie.
Sie nickt. „Die alten Träume wurden in den Schädel eingelassen und dort versiegelt“, sagt sie leise.
„Und ich soll sie jetzt da herauslesen?“
„Das ist die Arbeit des Traumlesers“, sagt sie.
„Und was soll ich dann mit den Träumen machen?“
„Nichts. Sie brauchen sie nur herauszulesen.“
„Also, das begreife ich nicht“, sage ich. „Dass ich alte Träume lesen soll, habe ich so weit verstanden. Aber dass ich dann nichts weiter damit machen soll, will mir nicht in den Kopf. Das bedeutet doch, dass die Arbeit gar keinen Sinn hat. Arbeit muss doch irgendeinen Zweck haben! […]
Sie schüttelt den Kopf. „Worin der Sinn liegt, kann ich Ihnen auch nicht erklären. Vielleicht kommen Sie bei der Arbeit von alleine drauf. Aber das spielt auch keine Rolle, solcher Sinn hat mit Ihrer eigentlichen Arbeit nicht das Geringste zu tun.“

Aus „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ von Haruki Murakami

Treffend zeigt dieser Dialog zwischen der Angestellten der Traumbibliothek und dem Traumleser auf, wie wir für unsere Arbeit, für alles, was wir tun, einen Sinn anstreben. Normalerweise tun wir nichts ohne Zweck: Wir handeln stets „weil“, „um zu“, „damit“. Ein Motiv liegt den simpelsten Tätigkeiten wie Zähne putzen, Briefe schreiben oder Schuhe anziehen zu­grun­de, ebenso wie edlen Werken: weil wir an ein Ideal glauben; um zu helfen; damit etwas Schönes entsteht. Immer geht es um menschliche Motive im Hinblick auf kurzfristige Ziele, vielfach vom Ego, von seinen Wünschen und Ängsten be­stimmt.

Aber muss Arbeit wirklich einen Sinn haben? Nein, lehrt uns der Karma Yoga.
Die Bhagavadgita, die Grundlage des Karma Yoga, verlangt von uns ein Handeln, mit dem wir weder für andere Menschen noch für uns selbst etwas anstreben, es soll also frei von jeglicher Erwartung auf Ergebnisse sein. Wir tun einzig um des Tuns willen. Weil dies unsere Aufgabe in dieser Welt ist und wir, solange wir im Diesseits einen Körper haben, gar nicht anders können, als zu handeln: Wir müssen uns ernähren, pflegen, für unsere Lieben sorgen und vieles mehr.

Im Allgemeinen handeln wir allerdings nach dem Prinzip von Lust und Unlust. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne tun, und ebenso viele, die wir ungern erledigen. Dadurch wechseln wir fortwährend zwischen Freude und Widerwillen.
Um dem zu entgehen, müssen wir lernen, alles gerne – oder zumindest gleich­mütig, ohne Abneigung – zu tun. Das ist gar nicht so schwer, es braucht nur ein bisschen guten Willen und etwas Ausdauer, um dabei zu bleiben, bis sich dieses Verhalten als Ge­wohnheit in uns eingeprägt hat.
Wir machen daraus eine Regel, an die wir uns künftig einfach halten, ohne sie zu hinterfragen: Ich mache stets das, was gerade ansteht. Ob im Haushalt, im Beruf oder in meiner Freizeit: Wenn ich sehe, dass etwas getan werden sollte (und ich sehe es, alles andere sind faule Ausreden!), dann tue ich es, sofort, ohne Aufschub.
Dabei achten wir besonders darauf, augenblicklich damit zu beginnen, ohne zwei Mal darüber nachzudenken, sonst kommt schnell Unlust auf, der wir gerne nachgeben. Nehmen wir diese trotzdem wahr, setzen wir uns über sie hinweg. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem wir unsere ganze Willenskraft aufbringen und der Trägheit „Nein!“ sagen müssen. Nachher vertiefen wir uns derart in die jeweilige Tätigkeit, dass für nichts anderes mehr Platz in uns ist, sodass in der Regel auch kein Widerwille mehr aufkommt – mit dem wohltuenden Nebeneffekt, dass wir auf diese Art vollständig in der Gegenwart leben, die Aufgabe schneller und besser bewältigen und oft sogar Freude empfinden.

Bei Pflichten, die wir nicht mögen, neigen wir jedoch dazu, nur das Nötigste zu tun, vielleicht sogar etwas fahrlässig und liederlich. Das widerspricht aber dem Prinzip unserer Vervollkommnung. Deshalb geben wir bei allem, was wir tun, immer unser Bestes, entsprechend unseren Fähigkeiten und der uns zur Verfügung stehenden Zeit.
Wir verfallen dabei jedoch nicht in einen Perfektionismus, dessen Ursache – aus mangelndem Selbstwertgefühl – in der Angst zu versagen, der gefürchteten Kritik der Mitmenschen und Ähnlichem liegt. Im Gegenteil: Haben wir nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, im Rahmen unserer Möglichkeiten, so akzeptieren wir das Ergebnis mit Gleichmut, auch wenn es nicht gut ausfällt. Wir machen uns keine Vorwürfe und tragen keine Schuldgefühle mit uns he­rum. Wir können ja nicht mehr tun, als wir vermögen!

Vielleicht wäre dies der gute Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich tue immer sofort, was getan werden muss, und ich tue es immer so gut wie möglich.

Weihnachtslicht

Möge das Sonnenlicht stets euren Weg erhellen und in der dunkelsten Zeit das Licht des vollen Mondes euch sanft und beschützend einhüllen.

Vollmond

Ich wünsche euch besinnliche und heitere Weihnachtstage!

(Dieses Jahr fällt der Vollmond auf den Weihnachtstag!)

Mein neues „Sonnwandeln“

Vor gut zehn Jahren begann ich, Sonnwandeln zu schreiben, eine Schriftenreihe für spirituelle Entwicklung im Alltag. Es entstanden schliesslich dreissig thematische Ausgaben, insgesamt über 600 Seiten. Den Namen Sonnwandeln wählte ich in der dop­pelten Be­deutung von „auf dem sonnigen Lebensweg wandeln“ und „sich zu einem sonnigen Gemüt wandeln“. Diese Schriftenreihe, die es nur in elektronischer Form gab, habe ich jetzt in gedruckte Bücher umgeformt und bei dieser Gelegenheit gründlich überarbeitet. Der erste Band mit dem Titel „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“ ist soeben erschienen, die übrigen vier erscheinen nach und nach.
Jedes Kapitel entspricht einer Ausgabe der früheren Schriftenreihe und weist die gleiche Struktur auf: „Einführende Gedanken“ stellt eine Einleitung ins Thema dar und wirft auch Fragen auf, die ich dann in den weiteren Rubriken „Vertiefende Aspekte“ und „Fragen & Antworten“ konkret und alltagsbezogen be­handle, wie es meine Art ist.
Zu jedem Thema gibt es eine Aufgabe für die innere Entwicklung, ergänzt durch Vorschläge für Affirmationen, eine Ima­gination oder Meditation und unterstützende Heilsteine und Bach-Blüten.

Das Konzept von Sonnwandeln ist einzigartig in seiner Ganzheitlichkeit und seinem Alltagsbezug.
Dabei geht Sonnwandeln einen Schritt weiter als die meisten Ratgeber-Bücher und die spirituelle Literatur, indem es die behandelten Themen nicht nur in einen konkreten Alltagsbezug stellt, vielmehr auch Entwicklungsziele Schritt für Schritt klar definiert und die entsprechenden Aufgaben dazu stellt.

Gebet und Meditation sind eine Seite der Spiritualität, eine wichtige – doch darüber gibt es schon viel Literatur und manche Website.
Deshalb konzentriert sich Sonnwandeln darauf zu zeigen, wie wir die spirituelle Ebene in unseren Alltag einbringen können, im Beruf, in Partnerschaft und Familie, bei Freizeitaktivitäten, mit Freunden und all unseren Mitmenschen, in unseren täglichen Entscheidungen und Taten, durch Krisen und Herausforderungen: Wir lernen Ängste und Wünsche abzubauen, Selbstwert, Urvertrauen und Gleichmut zu stärken – dadurch wachsen wir innerlich und kommen dem Göttlichen näher.

Sonnwandeln steht keiner Religion, Lehre, Kirche, Sekte oder Organisation nahe, ist völlig unabhängig und keiner bestimmten Ideologie verpflichtet. Ich schöpfe aus weltweiter spiritueller, philosophischer und psychologischer Weisheit. Eine Gottfigur der Gebote und Verbote, mit Belohnung und Strafe, findet darin keinen Platz, wohl aber das Göttliche als Absolutes, Einheit, Allheit.

Buchtitel_Der_Sinn_des_LebensDer Sinn des Lebens und die Lebensschule
von Karin Jundt
nada-Verlag
ISBN 978-3-907091-05-0
Paperback, 220 Seiten
EUR 19.00 / ca. CHF 25.00

Erhältlich:
• im Buchhandel und in den Online-Shops

Die Kapitel:
1. Der Sinn des Lebens und unsere Lebensaufgabe
2. Lebensphasen und Lebenskrisen
3. Zufall und Schicksal
4. Freier Wille oder Vorbestimmung?
5. Wille und Wollen
6. Unsere Innere Stimme

Sonnwandeln zeigt Wege auf
• wie wir mit weniger Angst und Sorgen gleichmütiger und zufriedener durch das Leben wandern,
• und im alltäglichen Handeln spirituell wachsen können,
• mit beiden Füssen fest in dieser Welt verankert, ohne asketische Praktiken und Entsagung.

Zu den Leseproben…

Noch eine Bitte: Falls euch das Buch gefällt und euch auf eurem spirituellen Weg unterstützt, wäre es für mich sehr hilfreich, wenn ihr eine Bewertung/Rezension in einem oder mehreren Online-Shops abgebt. Vielen Dank!

Durchs Leben wandern

Die Formulierung „durch das Leben wandern“ verwende ich gerne, nicht nur, weil ich in meiner Freizeit oft lange Wanderungen unternehme. Vielmehr weil eine Wanderung uns dazu dienen kann, Einsichten über unsere aktuelle Lebenssituation zu gewinnen oder uns allgemeine Erkenntnisse zum Leben schenkt. Ja, wir können eine Wanderung ganz bewusst zu diesem Zweck unternehmen. Wir brauchen dann nur die Symbole zu deuten, die uns unterwegs begegnen. Ich erzähle euch von meiner gestrigen Wanderung, dann erkennt ihr sofort, was ich damit meine.

Es war ein sonniger und milder Herbsttag. Ich machte mich auf zu einer Wanderung, deren ersten Teil ich gut kannte, während ich die zweite Hälfte der Strecke noch nie gegangen war. Und von diesem zweiten Teil berichte ich.

Nach dem Aufstieg an der Sonne mit einer fantastischen Sicht auf die schon leicht verschneiten Berge ging es abwärts ins andere Tal. Ich hatte mir bewusst eine Tour ausgesucht, die nur über Wanderwege und nicht über alpine Wege führte, weil ich nicht auf jeden Schritt achten, sondern die Aussicht geniessen wollte.
Ein netter Wunsch, den wir wohl alle haben: ein leichter Lebensweg mit nur Schönem rechts und links. Bis vor knapp vier Jahren war mein Leben der letzten Jahrzehnte tatsächlich sehr sonnig verlaufen, wenn auch nicht immer ohne Anstrengung.

Der Weg war schön breit, etwa drei Meter, und gut zu begehen, bis ich an eine Gabelung kam. Das gelbe Wanderwegzeichen führte hinunter in den Wald und ich sah, dass der Weg schmaler, steiler und ziemlich matschig wurde.
In die andere Richtung verlief „mein“ schöner breiter Weg – nur zeigte leider kein Wegweiser in diese Richtung und ich hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.
Ich nahm an – oder hoffte –, dass der richtige Wanderweg irgendwann wieder auf diesen schöneren Weg führen würde. Und blieb auf dem unmarkierten schönen Weg. Mir war allerdings bewusst, dass ich vielleicht würde umkehren müssen – doch ich bin beim Wandern sehr ausdauernd, auch sechs, sieben Stunden Marsch machen mir nichts aus. Deshalb erschreckte mich der Gedanke eines Umwegs nichts.
Wir entscheiden uns oft für den Weg, der uns leichter scheint. Obwohl äussere Anzeichen dafür sprechen, dass ein anderer Weg sicher richtig wäre, gehen wir den unsicheren. Allerdings dürfen wir auch immer darauf vertrauen, dass es keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen, und wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Und dass das Göttliche uns nie mehr auferlegt, als wir zu tragen vermögen.

Nach einer gefühlten knappen halben Stunde, immer leicht abwärts, angenehm, endete der Weg bei einer in dieser Jahrezeit bereits unbewohnten Alphütte. Es gab keine Möglichkeit, von da weiter zu wandern. Ich musste zurück zur Weggabelung, aber es machte mir nichts aus. Ich setzte mich kurz auf die Bank vor der Hütte und ass ein paar süsse Weintrauben, die ich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Der leichte Weg, den wir wider besseres Wissen gehen, führt oft in eine Sackgasse. Wenn wir das erkennen, dürfen wir uns keine Selbstvorwürfe machen, sondern sollten uns kurz besinnen, uns stärken, und uns dann wieder auf den richtigen Weg begeben.
Erstaunlicherweise erreichte ich die Weggabelung viel schneller, als ich angenommen hatte – oder der Weg zurück kam mir nicht so beschwerlich vor.
Einzig unsere Bewertung macht es aus, wie wir eine Situation empfinden, objektiv gibt es nicht Gutes und nichts Schlechtes. Gehen wir eine noch so schwierige Lage mit Gleichmut an, so ist sie viel leichter zu ertragen.
Ich fügte mich also in mein Schicksal und ging den steilen, matschigen Weg hinunter ins Tal. Der Wald war ziemlich dicht, kein Sonnenstrahl kam durch und je weiter nach unten ich kam, desto kühler wurde es – es war die Schattenseite des Berges. Ich trug ein Kurzarm-T-Shirt und Wandersandalen ohne Socken; natürlich hatte ich noch eine Jacke dabei, aber ich hoffte, ich würde bald aus dem Wald herauskommen und die Sonne mich dann wieder wärmen. Doch der Wald hörte und hörte nicht auf, der Weg war stellenweise sehr matschig, ich musste langsam und vorsichtig gehen. Aber meistens kam ich trotzdem gut am Matsch vorbei, ganz am Rand oder weil trockenes Herbstlaub dick über dem Matsch lag. Meistens, doch nicht immer. Meine Füsse waren schon ganz braun vor lauter Schlamm, meine Hosenbeine verspritzt.
Diese Wegstrecke interpretiere ich als meine Lebenssituation der letzten knapp vier Jahre. Etwas dunkel, steil, nicht wirklich gefährlich, aber mit Achtsamkeit und Vorsicht anzugehen. Allerdings auch immer wieder eine Hilfe, ein leichteres Stückchen Weg, und über alles gesehen, doch durch eine schöne Landschaft. Und die unschönen Äusserlichkeiten sollten wir später so leicht wegwischen wie man schmutzige Füsse und Hosen wäscht!
Als sich der Wald ein klein wenig lichtete und ich weiter talwärts blicken konnte – Nebel! Wenn ich beim Wandern etwas nicht mag, dann ist es Nebel. Man verliert schnell die Orientierung, übersieht Wegzeichen. In dem Moment kam ein Hauch von Missmut über mich: So sehr hatte ich gehofft, bald wieder an der Sonne zu sein, und jetzt auch noch das! Bei dieser Wetterlage ist bei uns Nebel in den Bergtälern nichts Aussergewöhnliches, aber ich hatte mir vor meiner Wanderung die Webcams im Internet angeschaut, und nur Sonne gesehen.
Wie ich weiterging, merkte ich, dass der Nebel sich etwa in meinem gleichen Gehtempo hinunter zurückzog.
Was machen wir uns doch immer unnötig Sorgen über Künftiges! Selbst wenn wir weiter vor uns Schwierigkeiten sehen oder vermuten – wer sagt uns denn, dass wir tatsächlich auf sie treffen? Eine ganz wichtige Lebenslektion: Mit Urvertrauen weiter gehen und uns mit den Herausforderungen dann auseinandersetzen, wenn sie wirklich da sind.
Endlich wurde der Weg flacher und breiter, mündete in eine asphaltierte Strasse, bald war der Wald fertig, der Nebel verschwunden und in der Ferne sah ich eine sanfte Hügellandschaft in der Sonne. Ich beschleunigte meinen Schritt, meine Füsse waren inzwischen sehr kalt, auf der schattigen Wiese am Waldrand lag Raureif.
Beinahe wäre ich auf dem unscheinbaren Glatteisfilm auf der Strasse ausgerutscht, ich konnte einen Sturz gerade noch akrobatisch abwenden.
Es ist befreiend, wenn wir nach einer dunklen Zeit am Horizont wieder die Sonne sehen. Manchmal haben wir es jedoch zu eilig, aus einer unangenehmen Lage herauszukommen und werden unvorsichtig. Diese Erkenntnis traf mich gestern bei meinem Ausrutscher wie ein Blitz! Ich sagte mir: „Karin, geh langsam voran, überstürze nichts, sieht es auch noch so vielversprechend aus, lass dem Göttlichen die Zeit, für dich das Beste zu wirken, reiss die Zügel nicht an dich…“ Und eine Woge der Dankbarkeit und Zuversicht durchströmte mich.
Schliesslich, endlich!, war ich wieder an der Sonne, die Strasse schlängelte sich sanft hinunter zum Dorf, noch eine Dreiviertelstunde verriet mir der Wegweiser. Und rot leuchtete etwas weiter unten eine Bank am Wegrand – dort wollte ich eine Weile rasten, etwas essen und trinken und ausruhen, bevor ich dann auf mein Ziel zusteuerte.
Lassen wir uns Zeit, der Weg ist das Ziel. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg zu geniessen und vor allem daraus zu lernen.

Viele Male habe ich schon eine Wanderung unternommen, mit der bewussten Absicht, aus den Symbolen Antworten zu finden. Und jedes Mal habe ich wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.
Ich kann euch empfehlen, wenn ihr einmal Fragen an eure Lebenssituation habt, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst oder Einsichten sucht: geht wandern! Es darf durchaus auch ein Spaziergang sein, Hauptsache ihr geht allein und hinaus in die Natur. Wählt eine Route, die ihr nicht kennt, es ist dann einfacher, sie unvoreingenommen zu begehen. Seid wachsam für alles, was euch auf dem Weg begegnet, spürt, was es in euch auslöst, folgt den spontanten Assoziationen, die in euch aufkommen, nehmt die Einsichten und Erkenntnisse in euch auf.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen eine frohe Wanderung durchs Leben!

Sünden

Eine Nonne erklärte mir als Kind – im katholischen Italien der frühen 1960-er Jahre: „Jede Sünde, die du begehst, sei sie noch so klein, ist wie ein schwarzer Fleck auf deiner Seele. Bei einer Todsünde wird die ganze Seele mit einem Mal schwarz.“
Ich weiss nicht mehr warum, aber die Seele stellte ich mir in etwa so gross wie das Herz vor, und auch genau in Herzform. Deshalb fragte ich: „Und was passiert, wenn die Seele ganz schwarz wird, weil so viele Flecken darauf sind, dass es gar nichts mehr Weisses gibt? Kann der liebe Gott dann noch unterscheiden, ob es eine Todsünde war oder viele kleinen Sünden?“ Das spielte nämlich eine Rolle: Starb man mit einer Todsünde, kam man direkt in die Hölle, während die kleineren Sünden, und seien es noch so viele, nur ins Fegefeuer führten.
Die Nonne blieb mir die Antwort schuldig.

Sünden – sie spielten in meiner Kindheit eine grosse Rolle. Jeden Samstag mussten wir zur Beichte… und was hatten wir Kinder schon zu beichten?! Ich habe gelogen, ich war ungehorsam… Woche für Woche zermarterte ich mir das Hirn, was ich denn beichten sollte; ich dachte, der Pfarrer müsse doch hie und da einmal etwas Neues zu hören bekommen, nicht immer die gleichen Sünden.

Heute habe ich ein anderes Konzept der Sünde. Ich betrachte „die Sünde“ als eine Metapher für einen Fehltritt, durch den ich mich von meinem höheren Selbst entferne.
Es stellt sich dann natürlich die Frage, was ein „Fehltritt“ ist. Grundsätzlich wohl jedes Verhalten, in das wir vom Ego getrieben werden. Aber entgegen der katholischen und moralischen Doktrin, die sich an die Regel hält „Unwissenheit schützt nicht vor Strafe“, bin ich davon überzeugt, dass wir nur dann „sündigen“, wenn wir bewusst und willentlich einen Fehltritt begehen.
Selbst dann „sündigen“ wir ja noch oft genug!

Betrachten wir es ganz nüchtern, so scheint es unbegreiflich, dass wir bewusst etwas Unrechtes tun. The Mother, die spirituelle Weggefährtin des indischen Philosophen und Mystikers Sri Aurobindo, sagte einmal: „[…] einen Fehler zu machen, von dem man weiss, dass es ein Fehler ist, das scheint mir abstrus! […] ich habe es bisher nicht geschafft, das zu verstehen. Es scheint mir – es scheint mir unmöglich. Falsche Gedanken, falsche Impulse, innere und äussere Unredlichkeit, hässliche, nie­derträchtige Dinge: So lange man sie aus Unwissenheit tut – Unwissenheit ist da in der Welt –, versteht man das […] Aber sobald die Erkenntnis vorhanden ist […] wie kann man es je wieder tun? Das verstehe ich nicht!“
Ich selbst verstehe es hingegen nur allzu gut! Immer wieder tun wir Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie nicht richtig sind. Unser Ego ist eben oft sehr stark, unsere Willenskraft schwach. Das Göttliche weiss das aber und verzeiht es uns. Keine Sünde führt uns in die „Hölle“, ausser in diejenige, die wir uns durch unsere Selbstvorwürfe und Schuldgefühle selber schaffen.

Fragen zu Urvertrauen und Gleichmut

Interview mit Karin Jundt über Karma YogaLetzte Woche erschien in einigen Schweizer Regionalzeitungen ein Interview mit mir über Karma Yoga. Das Interview hat Gabriele Spiller (GS) geführt, der ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich für das bereichernde Gespräch danke.

Das gesamte Interview könnt ihr als PDF-Datei herunterladen.
Die Antworten zu einigen der mir gestellten Fragen will ich nachfolgend noch etwas vertiefen.

GS: Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Diese Verunsicherung ist nichts Neues, früher lag sie nur in anderen Herausforderungen, beispielsweise in Missernten und der Willkür der Herrschenden.
Ich gehe oft so weit zu sagen, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf unser Schicksal haben, und stosse dabei nicht selten auf Widerspruch. Doch diese Erfahrung haben wir ja alle schon gemacht: Wir bemühen uns, ein Ziel zu erreichen, setzen alles daran, die Vorzeichen sind günstig – und dennoch scheitern wir. Auf der anderen Seite fallen uns manchmal die gebratenen Tauben nur so in den Schoss, ohne dass wir uns angestrengt haben.
Auch sind wir dem Schicksal völlig ausgeliefert, etwa was Tod und Krankheiten betrifft. Ebenso wenn andere Menschen involviert sind, da wir ihnen nicht unseren Willen aufzwingen können, beispielsweise wenn mein Partner mich verlässt oder mein Arbeitgeber mich entlässt.
Wir wünschen und planen zwar, aber was schliesslich daraus entsteht, entzieht sich unserer Macht. Deshalb ist Urvertrauen so wichtig. Wir haben im Grunde genommen gar keine andere Wahl. Entweder wir hadern mit dem Schicksal, verbittern, kämpfen gegen Windmühlen, versinken in Selbstmitleid – oder wir vertrauen darauf, dass immer alles nur zu unserem Besten geschieht, dass wir in dieser Lebensschule geführt und getragen sind. Dass alles einen Sinn hat, selbst wenn wir ihn nicht unmittelbar erkennen.

GS: Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Die meisten Menschen glauben an ein Göttliches in irgendeiner Form, mir sind in meinem Leben selten echte Atheisten begegnet. Viele haben jedoch Mühe mit dem Gott, der ihnen als Kind vermittelt wurde. Dazu hat Tolstoi etwas Treffendes gesagt: „Wenn in dir der Gedanke aufkommt, dass alles, was du über Gott dachtest, falsch ist und dass es keinen Gott gibt, so lass dich dadurch nicht verunsichern. Es geht allen so. Meine aber nicht, dein Unglaube rühre daher, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an deinen früheren Gott glaubst, so liegt es daran, dass an deinem Glauben etwas falsch war, und du musst versuchen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, so bedeutet das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Es ist zugegebenermassen manchmal nicht leicht, an einen weisen, allmächtigen, liebenden Gott zu glauben, wenn man sieht, was auf der Welt geschieht, wie viele Menschen leiden. Aber: Wenn wir an eine höhere Macht in welcher Form auch immer glauben, liegt es dann nicht nahe, dass dieses Höhere einen besseren Überblick über das Weltengeschehen hat als wir und weiss, was es tut? Und ist es nicht anmassend, wenn wir meinen, mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist verstehen zu können, was dieses Höhere mit der Welt, wie sie ist, bezweckt?
Doch mir liegt es fern, jemanden bekehren zu wollen. Jeder Mensch muss der Wahrheit vertrauen, die in ihm selbst anklingt. Dann wird der persönliche Glaube zu einem Wissen, und nur dann können wir auch danach leben. Alle anerzogenen oder aufgezwungenen Dogmen sind sinnlos, sie führen nur zu Scheinheiligkeit und Heuchelei.

GS: Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. Warum passiert gerade mir das, und warum gerade jetzt?
Die Frage nach dem Warum stellen wir uns tatsächlich immer wieder. Präziser muss sie lauten: „Was will mich dieses Ereignis lehren?“ Der Sinn des Lebens scheint in der Evolution zu liegen, allerdings nicht nur in der physichen, sondern vor allem in der geistigen. So ist das Leben selbst unsere Schule, in der wir lernen und uns zur Vollkommenheit hin entwickeln – spirituell ausgedrückt: zur Gottesverwirklichung oder Erleuchtung oder wie man es nennen will.
Daher werden wir – und hiermit ergänze ich auch die vorangehende Frage nach der sinnvollen Lenkung des Universums – an die Erfahrungen herangeführt, durch die wir etwas lernen können. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, jeder Mensch hat seine eigenen Lektionen zu lernen. Deshalb haben nicht alle Menschen auf der Welt das gleiche Schicksal.
Was auch immer auf uns zukommt, das Urvertrauen sagt uns: „Das Göttliche wird schon wissen, warum mir das jetzt geschieht. Und ich bemühe mich, die Lektion zu verstehen.“
Der Gleichmut ist dabei ebenfalls unerlässlich, denn er hilft uns, das sogenannt Angenehme und das sogenannt Unangenehme gleichermassen zu akzeptieren. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, heisst es: „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren in­neren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavadgita XIV, 24 f.) Es geht also darum, nicht zu werten: Die Dinge sind an sich weder gut noch schlecht, erst durch unsere Bewertung machen wir sie zu etwas Erwünschten oder etwas Verhasstem.
Gelingt es uns, mehr Gleichmut zu entwickeln, so leben wir gesamthaft zufriedener. Denn in 95 Prozent unseres Alltags reiben wir uns an Banalitäten, etwa dass das Wetter schlecht ist, wenn wir wandern gehen wollen, oder dass die Kinotickets für einen Film schon ausverkauft sind, oder dass das Essen im Restaurant nicht unseren Erwartungen entspricht und und und. Diese Alltagssituationen mit Gleichmut anzunehmen ist nicht allzu schwer, haben wir die Einsicht einmal gewonnen. Und es ist die richtige Übung für den Fall, dass uns einmal ein wirklich schwerer Schicksalsschlag trifft.